Retro: Ein Trend auf dem Spielemarkt?

Früher war alles besser! Oder doch nicht? Jedenfalls erleben Computerspielklassiker zurzeit eine wahre Renaissance. Tetris, Arkanoid und Co. haben es einer Generation von auch sonst wieder rückwärts gerichteten Konsumenten sichtlich angetan. Es piept und quietscht wieder in deutschen Kinderzimmern, und das, obwohl man solche Töne in Zeiten orchestraler Spielesoundtracks in Dolby 5.1 eigentlich nicht mehr erwarten würde. Um dem Trend ein konkretes Äußeres zu verleihen, muss man nicht allzu tief in die Klamottenkiste der alten Spiele-Schinken greifen. Beliebt sind vor allem Games aus den frühen Neunzigern, die nicht nur inhaltlich sondern auch technisch nicht ganz so antiquiert wirken wie einschlägige Arcadeklassiker.

Warum wir wieder Hornbrillen tragen
Computerspiele sind nur ein Kuchenstück der menschlichen Kulturlandschaft. Weitere Aspekte wie Mode, Lifestyle oder Medien tragen in ständiger Wechselwirkung mit zur Formgebung bestimmter Trends bei. Der Retro-Trend wurde von der Industrie schon lange erkannt, weswegen wir bei H&M wieder Röcke für Petticoats, im Schuhgeschäft Adidas-Sneaker und beim Optiker eckige schwarze Hornbrillen angeboten bekommen. Auf den ersten Blick schwingt bei diesen Dingen immer ein Beigeschmack von Oberflächlichkeit mit. Doch dieser Trend scheint mehr zu sein als die Summe aller retrospektiven Konsumgüter. Retro findet sich überall: in Film und Fernsehen, der Presse und sogar in der Kunst. Hollywood hat mit Kassenschlagern wie Gladiator oder Troja den Sandalenfilm wieder für sich und seine Zuschauer entdeckt. Das Amerikanische Comic-Label Marvel verdient einen nicht unerheblichen Teil seines Umsatzes an den Rechten für aktuelle Superheldenverfilmungen von Superman oder den X-Men - Comicreihen aus den 1960ern. Die Schuhhersteller Puma und Adidas, einst belächelt für ihr altbackenes Design, haben die Freizeitmode in Retro getaucht. Künstler wie Kylie Minogue oder Robbie Williams treten wahlweise als eigenes 80er Jahre Pendant, 70er Jahre Rennfahrer oder Swing Kid im Frank Sinatra Stil auf die Bühnen der Welt. Automobilhersteller wie Ford oder Audi zitieren in ihren Neudesigns immer wieder optische Merkmale längst vergangener Zeiten. Klassische Uhren mit mechanischem Uhrwerk gehören wieder zu den Verkaufsschlagern der Schweizer Uhrmacher und Versandhäuser wie Manufactum, die sich auf den Vertrieb klassischer Qualitätsprodukte spezialisiert haben, feiern Hochkonjunktur. Es gibt wieder Keramiklichtschalter und Taschenuhren, die guten robusten Lederschuhe und Holzspielzeug, Lavalampen, Murrays-Pomade, und und und…
Langer Rede kurzer Sinn: Der Blick nach hinten entpuppt sich als Langzeittrend mit weitreichenden Ausmaßen. Seit einiger Zeit ist auch die Spieleindustrie über dieses Phänomen gestolpert, weswegen sich so genannte "Retro-Spiele" zum neusten Trend auf dem Spielemarkt gemausert haben.

Alte Spiele, neuer Erfolg
1972 kam mit "Pong" das erste kommerzielle Videospiel der Welt auf den Markt - zuerst als Automaten- später als Heimversion auf einer Konsole der Firma Magnavox. Kaum erschienen, folgte in den frühen 70ern bereits der erste Rechtsstreit um die Lizenzen für die Erfindung des "Video"- Spiels. Sechs Jahre später, 1978, wurde der nächste Meilenstein der Spielgeschichte gesetzt: "Space Invaders". Einer Legende zufolge soll den Japanern nach der landesweiten Aufstellung von Space-Invader-Automaten die 100-Yen-Münzen ausgegangen sein. Die Wahrheit dieser Geschichte wird heute stark in Frage gestellt, aber es muss ja auch nicht jede schöne Geschichte immer wahr sein. Fakt ist jedoch, dass Space Invaders ein echter Welterfolg gewesen ist, nicht zuletzt, weil es eines der ersten Videospiele in Farbe war. 1980 erschien "Puck Man" in Japan. Das berühmte Spiel mit dem runden Puck wurde allerdings für den westlichen Markt in "Pac Man" umgetauft. Pubertierende Jugendliche hatten bei einem Großteil der bis dato ausgelieferten Automaten aus dem "P" in "Puck" ein "F" gemacht. Dem Image der gelben Scheibe hatte das allerdings nicht geschadet. Pac Man war der erste Popstar unter den Videospiel-Helden. Es gab Pac-Man-Frühstücksflocken, Pac-Man-Mode und in den USA sogar eine eigene Pac-Man-Fernsehsendung. Neben Pac Man selbst erreichten aber auch die vier Geister Blinky, Inky, Pinky und Clyde, die Antagonisten von Pac, schnell ein hohes Maß an Berühmt- und Beliebtheit. In den Pionier-Jahren der Spieleindustrie kamen noch unzählige weitere Titel heraus, die heute als echte Klassiker gelten. "Donkey Kong" von Nintendo (1981), "Tetris" von Alexei Paschitnow (1985) oder "Arkanoid" von Taito (1986) sind heute ein Musthave für jeden Retro-Spiele-Fan.
Genau so alt wie die Spiele sind auch deren Lizenzen, über welche die Urheberrechte für die antiquierten Klassiker geregelt sind. Heute, ca. 30 Jahre später, hat die Spielindustrie erkannt, dass sie im Zuge einer oben beschriebenen Retrobewegung einen Goldesel im Stall stehen haben. Aufs Neue beliebt und schon am Markt getestet, haben die alten Schätzchen das Zeug dazu, ein Comeback der besonderen Sorte zu feiern.

Wie Blinky, Inky, Pinky und Clyde auf das Handy kamen
Im Zuge einer sich ständig verändernden Technikgesellschaft, in der jeder Schüler ein multimediafähiges Handy besitzt und Hochschulprofessoren ihre Musik auf dem iPod hören, sind allerorts die technischen Grundvoraussetzungen für das Betreiben von Retrospielen gegeben. Dabei sind diese neuen Möglichkeiten eher eine Art Abfallprodukt der modernen Technik. Handys haben ohnehin Farbdisplays und schnelle Prozessoren und auf ipods können Spielfilme geguckt werden. Dass auf diesen Geräten auch alte Spiele laufen ist ein Nebeneffekt, der von den Herstellern gerne genutzt wird. So kommt einem diese Entwicklung, in der alles so gut zusammen passt, vor, als ob ein lange gehegter Plan aufginge. Ein Beispiel: Das Spiel "Pac Man", 1980 von Namco veröffentlicht, feiert in zwei Jahren seinen 40sten Geburtstag und ist damit schon jetzt doppelt so alt wie der durchschnittliche Pac-Man- Spieler. Dieser besitzt in der Regel ein spielefähiges Mobiltelefon mit Farbdisplay und verkürzt sich während der Busfahrt zur Schule die Zeit damit, den Geistern Blinky, Inky, Pinky und Clyde auszuweichen und möglichst viele der 256 Level am Stück zu meistern. Auf das Handy kam das Spiel via Monatsabo eines einschlägigen Klingeltonanbieters, der die Lizenzen für das Spiel aufgrund des Alters für einen Apfel und ein Ei eingekauft hatte. Aber auch die Schwedische Firma, die das Mobiltelefon hergestellt hat, bekommt einen Teil von dem Kuchen ab. Ihre Handyserien für junge Kunden verkaufen sich u.a. deshalb gut, weil Spiele darauf laufen. Technisch ist das heute keine Herausforderung mehr, bieten doch schon viele Taschenrechner mehr Rechenleistung als die ersten Pac-Man-Atomaten in den 80ern.

"Next" Generation Retro
Aber Handys sind nicht die einzige Plattform für Retro-Games. Skurriler Weise sind es insbesondere die High-End-Konsolen der neusten Generation, Xbox, Playstation 3 und Wii, die auf den Zug mit aufgesprungen sind. Vollgestopft mit Rechenleistung und bis zu 8 Prozessoren, nutzen viele Heimanwender die Hochleistungsgeräte vor allem für Eins: Das Spielen ausgerechnet alter Spiele. Nintendo bietet im Downloadbereich für seine Wii-Konsole alte Spieleklassiker zum Verkauf an. Das Gleiche gilt für die Playstation 3 und die neuste Xbox. Aber auch in den Regalen der Elektronikfachmärkte finden sich immer mehr alte Spiele. Liebevoll zusammengestellt und thematisch sortiert, gehören Spielesammlungen mit alten Arcade-Klassikern zur Standardware. Aber auch hardwaretechnisch stellt man sich auf den neuen Trend ein. Für die Xbox und die Wii gibt es so genannte "Classic-Controller" und "Arcade Game Sticks", die das Spielgefühl wieder näher an die eichenfurnierten Automaten der 80er und 90er bringen sollen. So genannte "Emulatoren" ermöglichen einer ständig wachsenden Fangemeinde das Abspielen originaler alter Amiga-, C64- oder Atari-Spiele auf modernen Computern.
Am beliebtesten sind allerdings nicht die ganz alten Spiele, wie Pac Man oder Donkey Kong, sondern die schon etwas "moderneren" aus den 90er Jahren. "The Secret of Monkey Island", "Day of the Tentacle" oder die alten "Super Mario” Spiele stehen wieder hoch im Kurs. Ungeschlagener Klassiker ist und bleibt jedoch "Tetris" - Manche Dinge sind eben einfach Klassiker.

Bastian Kreusing