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Sea of Solitude
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Sea of Solitude

Genre
Adventure
USK
ab 12 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 14 Jahre
Vertrieb
Electronic Arts
Erscheinungsjahr
2019.07
Systeme
PC, Playstation 4, Xbox One
System im Test
Xbox One
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Surrealer Trip in die Einsamkeit
Zusatzinformationen ausklappen
Interessant für
Fans von Spielen mit ernster Thematik
Sprache
Deutsch
Grafik
abwechslungsreiche 3D-Grafik
Sound
entspannend, atmosphärisch

Steuerung
einfach
komplex
Anforderungen
einfach
schwer
Zeitaufwand
gering
hoch
Spielwelt
linear
offen

Indentifikationsfiguren
Protagonistin Kay
Mehrspielermodus
nicht vorhanden
Spielforderungen
ernste Thematiken richtig einordnen und reflektieren können
Zusatzkosten
nicht vorhanden
Problematische Aspekte
Komplexe Thematik rund um Depression, Einsamkeit, Mobbing und psychischen Verletzungen
Gruppenleiter
Dirk Poerschke
Game On/Two Kinderhilfezentrum Düsseldorf
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
In Sea of Solitude führen wir die junge Kay durch eine surreale Traumwelt aus psychischen Verletzungen, Mobbing und Enttäuschungen. Eine Traumwelt, in der viele ihrer nächsten Beziehungen im Leben zu übergroßen Monstern mutieren, was auch Kay endgültig verwandeln wird. Mit Hilfe eines sie leitenden Lichts versucht sie sich daraus zu befreien und packt allen Schmerz und Kummer in ihren Rucksack, um ihr Leid nachträglich aus der Welt zu schaffen. Sea of Solitude ist ein Spiel über Einsamkeit, Ausgrenzung und Scham.

Pädagogische Beurteilung:
Eine Welt in Aufruhr
Wir steuern Kay mit einem Boot durch eine im Wasser versunkenen Stadt. Die Lichteffekte und die Stimmungen reichen vom optimistisch hellblauen Himmel, über graue Nebellandschaften, glutrote Abendstimmungen bis zu tiefschwarzen, wolkenverhangenen Stürmen, in denen das kleine Boot zur Nussschale wird und die ganze Verletzlichkeit auf Kays Reise illustriert. Sie selbst ist nur ein ahnungsvoller Schatten einer jungen Frau, ganz schwarz gezeichnet, zerzaust und mit roten Augen. Man erkennt nur bei genauem Hinsehen die Sommersprossen und das spitzbübische, schöne Gesicht eines selbstbewussten und lebensfrohen Kindes. Der einzige Farbfleck an ihr ist der orangefarbene Rucksack, in dem im Laufe des Abenteuers besiegte Monster in Form von schwarzen Nebelschwaden eingesperrt werden. Orange symbolisiert Lebensfreude, Neugier und Kreativität - etwas, nachdem sich Kay in ihrer untergegangenen Welt auf die Suche macht. Dafür braucht sie allerdings Hilfe, die zu Beginn in Form eines lustigen, schwebenden und lachenden Mädchens auftaucht, welches Kay eine Lichtkugel überreicht, die ihr den Weg zeigen wird. Dieser Engel wird hinter einem Tor der Stadt verschwinden, weshalb Kay sie zu finden versucht. Schon in der ersten Nebengasse der Stadt bricht aus dem Wasser ein übergroßes, schwarzes Schattenmonster und schreit Kay an: „Du bist schuld. Du warst nie genug. Du bist nichts wert. Du warst schon immer so. Aus dir wird nichts!” Uns bleibt während des Tests ein wenig das Herz stehen. Das kommt mit Wucht, denn irgendwie haben wir uns alle schon mal in dieser Situation befunden: Worte, die verletzen - hart und zielsicher. Kay weicht aus und findet auf einem der Dächer eine Lichtkanone, mit der sie das Monster vertreibt und deren Verletzungen in schwarze Nebelschwaden auflöst. Anschließend kämpft sich die junge Protagonistin über die Dächer der Stadt und treibt mit ihrem Boot immer dem Licht hinterher. Jedes Mal, wenn ein Monster besiegt scheint, wird die Welt kurze Zeit ein wenig freundlicher, was auch den Meeresspiegel sinken lässt.

Wer sind die Monster?
Die Monster sind nicht immer nur die anderen. Kay muss sich auch mit dem eigenen Monster auseinandersetzen. Natürlich sind die riesigen Schattenwesen bedrohlich hinter ihr her, aber einige waren bei näherem Hinsehen auch nur verletzte Menschen aus der nächsten Familie mit ihren eigenen, nicht geklärten Problemen. Kays Bruder, Opfer von Mobbing, wird beispielsweise als ein riesiger Krähenvogel dargestellt, der sich jeder Annäherung vorerst entzieht. Die Rolle, welche unsere Hauptperson in diesem ganzen Geflecht spielt und womit sie oft genug überfordert ist, muss Kay erst noch finden. Das geschieht ohne Stigmatisierung oder klare Schuldzuweisungen. Es gibt jedoch auch die vielen rotäugigen Schatten, die einfach nur verletzen wollen. Äußerlich sind sie Kay gar nicht unähnlich.
Sea of Solitude beschreibt hier eine Situation, in der sich heute nicht wenige Jugendliche mit psychosozialen Störungen befinden: Das Gefühl, sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, die Gefahr der Isolation und des sozialen Rückzugs, Selbstzweifel bis hin zu Suizidgedanken. Und Sea of Solitude geht hier noch einen Schritt weiter, es zeichnet ein Bild davon, wie wir miteinander umgehen, welche Rolle die Familie hat und welche Ohnmacht wir dem Chaos gegenüber empfinden.

Der Spielraum
Schon bevor man das Spiel startet, wird man auf die Hintergründe hingewiesen: „Dieses Spiel behandelt Themen wie die seelische und emotionale Gesundheit, die für einige Spieler belastend sein könnten. Es ist nicht als persönliche Beratung oder Hilfestellung gedacht. Sea of Solitude ist ein persönliches Projekt über das Thema Einsamkeit.“
Nach kurzer Recherche haben wir schnell erfahren, dass die Story die ganz persönliche Geschichte einer Frau aus Berlin ist, die als Spieldesignerin arbeitet. Damit hat Kay ein Gesicht bekommen und wir sehen die Geschichte etwas anders. Schade fanden wir jedoch, dass es keine deutsche Sprachausgabe gibt, obwohl der Titel von einem deutschen Entwicklerteam stammt.

Fazit:
Sea of Solitude hat uns ernsthaft berührt und wir finden, dass es ein wirklich wichtiges Spiel ist. Über die Themen Einsamkeit und Angst in der Jugend wird zu wenig gesprochen. Die Themen werden zwar nicht vollends durch ein Computerspiel aufgelöst, es hinterlässt aber sicher seine Spuren. Dass vorübergehende depressive Stimmungen Teil der Pubertät sind, wissen viele. Dass aber laut der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ 3-10 % aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren ernsthaft an einer Depression erkranken, wird gerne unter den Tisch fallen gelassen. Die Ohnmacht in schwierigen Situationen die eigene Hilflosigkeit zu bekämpfen und sich auf Suche nach dem Licht am Ende des Tunnels zu machen, kann Sea of Solitude unterstützen.
Aufgrund des schwierigen Themas und der Notwendigkeit, die Geschehnisse richtig einordnen zu können, empfehlen wir das Spiel ab 14 Jahren, denn trotz der positiven Lernpotenziale birgt es gleichermaßen Gefahren, wie dem erneuten Aufkommen von Verlustängsten. Dadurch könnten mit dem Spiel bereits traumatisierte Jugendliche retraumatisiert werden, weshalb ein Einsatz innerhalb von Hilfegruppen nur mit professioneller Begleitung zu empfehlen ist.

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Spieletester
Game On/Two Kinderhilfezentrum Düsseldorf
Düsseldorf
Bewertung Spielspass