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Diversität in League of Legends
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Darstellung von Diversität in League of Legends

Charakterdesign vs. Feminität

Sexualität begegnet uns im Alltag in vielen Situationen und durch verschiedenste Aspekte. Auch in digitalen Spielen sind Sexualitätsaspekte nicht wegzudenken; finden sie sich schon in der Darstellung von Frauen und Männern, Geschlechterrollen, Körperbildern oder sexueller Vielfalt, welche im Spiel integriert werden.
Dies ist (den Spieler_innen) meist nicht sofort bewusst und eindeutig, repräsentiert aber oftmals den gesellschaftlichen Konsens bezüglich dieser Themen. Wie es um genannte Sexualitätsaspekte im Computerspiel League of Legends steht, soll in diesem Artikel erarbeitet werden. 

von Sarah Fey

Eines der momentan bekanntesten und mit über 111 Millionen Spieler_innen (Stand 2018) erfolgreichsten Spiele stellt League of Legends dar, welches 2009 von Riot Games veröffentlicht wurde. Das Spiel, welches oftmals als MOBA (Multiplayer Online Battle Arena) bezeichnet wird, verbindet Elemente von Echtzeit-Strategiespielen (RTS) und Rollenspielen (RPG). Obwohl es unterschiedliche Spielmodi gibt, treten in der Regel zwei Teams, bestehend aus beispielsweise fünf unterschiedlichen Champions (Charakteren) mit individuellem Design, Spielstil und Fähigkeiten, gegeneinander an (Quelle). Die Gestaltung der Champions, die den Spieler_innen zur Verfügung stehen, reicht dabei von Menschen, über solche, die sich auch in tierische Wesen verwandeln können, bis hin zu Fabelwesen und Tieren sowie anderen fantasievollen Gestalten. Aktuell gibt es 145 verschiedene spielbare Charaktere (Quelle).

Geschlechterdarstellung und -rollen
Die Geschlechteraufteilung – soweit man diese exakt zuordnen kann – liegt in League of Legends bei 49 weiblichen und 95 männlichen Charakteren . Ein Charakter (Kindred) wurde hier ausgelassen, da dieser aufgrund der Pluralität seines Charakters nicht deutlich einem Geschlecht zugeordnet werden kann.
Auffällig an der Geschlechterdarstellung ist, dass es eher wenige weibliche Tanks (Charaktere mit viel Rüstung und Leben), Kämpfer oder grundsätzlich (körperlich) starke weibliche Charaktere gibt. Eher findet man folgendes Bild vor: weiblich sind vor allem die heilenden, unterstützenden Supporter, Magier, Schützen und Assassinen. 

Zoe - © Riot Games

Bezüglich der Charaktergestaltung teilen sich die weiblichen Avatare größtenteils in zwei Formen auf: zum einen sexualisierte, leicht bekleidete (oft humanoide) Figuren mit extremen Körpermaßen und zum anderen süße, eher kindliche Charaktere. Auffällig dabei ist, dass beinahe jeder weibliche Charakter mit der gleichen Körperform, bestehend aus enormer Oberweite sowie breiter Hüfte und extrem schmaler Taille, ausgestattet ist. So sorgte die Veröffentlichung des Champions Jinx als erste weibliche, humanoide Figur ohne übermäßig große Oberweite für reichlich Diskussionsstoff. Eine Ausnahme zeigt hier die zweite Form, bei der es sich oft um nicht-humanoide Figuren wie Yordles oder aber besagte kindliche Charaktere (wie etwa Zoe) handelt.

Die übermäßig stark dargestellte Sexualität wird jedoch oftmals nicht nur visuell, sondern auch durch die Voice-Lines (Sprachzeilen) der Charaktere dargestellt. Als Beispiel können hier einige Zeilen von Evelynn wie “Härter? Okay!", "Ich hoffe, du magst es heftig." und "Welche Stellen machen dich wahnsinnig?” (Quelle) gesehen werden.
Andere Figuren, deren Körpermaße und sexuelle Ästhetik nicht ins (oftmals unpassend) Extreme gezogen wurden (wie zum Beispiel Illaoi, Anivia oder Rek’Sai), sind rar. Was bleibt, ist, dass es eher die Ausnahme darstellt, wenn weibliche Charaktere in keinerlei Richtung nach Schönheitsidealbild genormt und sexualisiert gezeigt werden.
Die männlichen Charaktere zeigen im Gegensatz dazu deutlich mehr Differenz. So finden sich hier zwar ebenfalls humanoide Figuren, die sich in menschlich und mensch-ähnlich aufteilen sowie Yordles und andere. Auch sind die männlichen Charaktere oftmals sehr muskulös, mächtig und schlagkräftig - sozusagen dem männlichen Idealbild entsprechend - dargestellt und kämpfen mit schweren Waffen, welche bei den weiblichen Figuren eher seltener zu finden sind.

Der Unterschied: es gibt wesentlich mehr Charaktere, die weniger durch Attraktivität, sondern mehr durch ihr bloßes Charakterdesign punkten und als ‘coole’, individuelle Figur gesehen werden können. Ebenfalls weisen männliche Charaktere wesentlich mehr vom gesellschaftlichen Schönheitsideal abweichende, unästhetische oder ‘hässliche’ Merkmale auf, wie Narben, starkes Übergewicht oder Verunstaltungen. So rückt das rein sexualisierte, ästhetische Äußere auffallend öfter in den Hintergrund und wird durch einzigartiges Design ersetzt.

Twitch vs. Elise - © Riot Games

Denn allzu oft wird die feminine Ästhetik einer weiblichen Figur als ihr Hauptmerkmal gesehen, während das Äußere bei männlichen Champions mehr das Charakterdesign unterstreichen soll. Dies wird besonders bei nicht-humanoiden Figuren deutlich. Es finden sich unter anderem: ein Werwolf (Warwick), eine Ratte (Twitch) oder auch ein Gott in Form eines Widders (Ornn). Bei weiblichen Figuren wird das Charakterdesign oftmals jedoch nur soweit dargestellt, wie es das Hauptmerkmal ‘weiblicher Charakter’ zulässt. Figuren, die eigentlich Spinnen (Elise), Katzen (Nidalee) oder Drachen (Shyvana) wären, sind somit Formwandler: sie können in diese Form wechseln, die Grundform bleibt jedoch ein weiblicher menschlicher Charakter, um das Hauptmerkmal und die dementsprechenden visuellen Körpermerkmale nicht zu verlieren. Formwandler finden sich unter den männlichen Charakteren keine, da der Fokus nicht auf der Darstellung der Männlichkeit, sondern dem Charakterdesign liegt (Quelle).
Eine Ausnahme stellen hier wiederum Rek’Sai und Anivia sowie Yuumi dar, die konstant in ihrer nicht-humanoiden, nicht-sexualisierten Form bleiben - wobei Yuumi im Vergleich zu den anderen beiden Figuren wesentlich mehr im ästhetischen Rahmen der weiblichen Figuren gehalten ist.
Ebenfalls unterschiedlich ist dementsprechend auch, welche Attribute den Figuren zugeschrieben werden können. Weibliche Figuren können eher unterstützend, dominant, sexy, verführerisch und/oder süß bezeichnet werden. Männliche Figuren hingegen sind in der Regel mächtig, stark, gutaussehend, einzigartig, und/oder interessant. Sexualisierung durch beispielsweise extreme Muskeln stellt dabei selten das einzige Merkmal dar.

Letztendlich lässt sich bezüglich der Darstellung von männlichen und weiblichen Charakteren folgendes festhalten: kann eine sexuell ansprechende Gestaltung bei den weiblichen Figuren in der Regel als Ausgangspunkt gesehen werden, wirkt diese bei den männlichen eher als zusätzlicher Aspekt, sodass ein einzigartiges, interessantes Charakterdesign durch Muskeln oder ähnliches ergänzt, aber in der Regel nicht aufgebaut wird. 

Sexualität und Diversität
Bezüglich der sexuellen Vorlieben der Charaktere lässt sich sagen, dass diese in League of Legends nicht so stark thematisiert und dargestellt werden wie etwa ‘optimale’ Körperbilder. Obwohl einige Hintergrundgeschichten, bestimmte Interaktionen innerhalb des Spiels oder Voice-Lines Theorien in Umlauf gebracht haben, die über Freundschaften, Beziehungen oder sexuelle Vorlieben der Charaktere spekulieren, wurde dieser Aspekt von Riot Games selbst in der Charaktergestaltung seltener bewusst aufgegriffen und zum Ausdruck gebracht.
Dies änderte sich jedoch 2018, da mit Varus, welcher aus zwei homosexuellen Männern und einem Darkin entstanden ist (Videoquelle), und Neeko, welche sich - laut Riot Games’ Senior Autor im Storytelling Matt Dunn - als Lesbe identifiziert, offiziell durch Riot Games bestätigte, homosexuelle Champions erschienen sind (Quelle). Dies sorgte für Diskussionen zwischen Befürwortern und Kritikern. Da Riot Games Diversität für die Entwicklung als “explizites Ziel” (Quelle) formuliert, darf man gespannt bleiben, inwiefern diese weiterhin in Zukunft im Spiel eingebettet wird - in etwa durch einen weiteren homosexuellen Champ oder veränderte Körpermaße und Rollenbilder der Champions.

eigene Darstellung basierend auf © Riot Games

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass League of Legends durch das Charakterdesign der meisten Champions ein Bild von Geschlechterrollen konstruiert, welches (besonders jungen Spieler_innen) nicht sofort bewusst wird. Männliche Figuren können dabei alles sein: Menschen, Bäume, Ratten, Steine, Untote oder Götter in Form von Krokodilen. Bei weiblichen Charakteren sind diese Optionen grundsätzlich ebenfalls gegeben - gehen jedoch nur so weit, wie es die Präsentation von Feminität und Ästhetik zulässt.
Wesentlich fortschrittlicher im Vergleich lässt sich die Integration verschiedener Sexualitäten im Spiel sehen. Aufgrund dessen sowie der Tatsache, dass die Körpermaße neuerer Champions wie Neeko und Qiyana sichtlich ‘normaler’ ausfallen und dieses Jahr eine weitere weibliche konstant nicht-humanoide Figur erschien (Yuumi), darf abgewartet werden, inwiefern Riot Games weitere Aspekte im Spiel integriert, die nicht nur den Pluralismus der Gesellschaft widerspiegeln, sondern Spieler_innen Identifikationsmöglichkeiten mit weiblichen Charakteren ermöglichen, die über körperliche Feminität und gutes Aussehen als Hauptmerkmale hinausgeht. 

Anmerkung:

 Alle im Artikel erwähnten Champions sowie die auf © Riot Games basierenden Bilder finden sich hier

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Groen, Maike: Darstellung von Männern und Frauen in digitalen Spielen 

Wright, Samantha: Why I don't play League of Legends: sexualization

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