Spieleratgeber NRW - Druckansicht von Seite #4181
Stacking
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Stacking

Genre
Adventure
USK
ohne Altersbeschränkung (?)
Pädagogisch
ab 8 Jahre
Vertrieb
Nordic Games
Erscheinungsjahr
2011.02
Systeme
PC, Playstation 3, Xbox 360, Mac
System im Test
PC
Homepage des Spiels
Hinweis(e)
via Xbox Live, Playstation Network
Kurzbewertung
Kreatives Adventure mit Anspruch
Gruppenleiter
Dirk Poerschke
Game On/Two Kinderhilfezentrum Düsseldorf
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Spielbeschreibung:
Die Matroschka ist die berühmte russische Schachtelpuppe (Puppe in Puppe) aus Holz. Sie gehört zu den beliebtesten russischen Souvenirs und gehört zu Russland genauso wie die Balalaika, der Samowar oder der Wodka. Die Matroschka gibt es erst seit etwa hundert Jahren und ist in ihrer Geschichte eine Mischung aus bemalten Eiern für heidnische Feste und den Schachtelpuppen japanischer Glücksbringer. Was man mit einem solchen Souvenir nun eigentlich anfängt, ohne es bloß ins Regal zu stellen, zeigt uns das Spiel "Stacking". Hier werden Matroschkas zu den Figuren, die eine Geschichte erzählen können. Die Matroschka-Familie Blackmore wird in Geldnöten vom bösen Baron zu Fron- und Kinderarbeit gezwungen. Der kleinste der Familie, der mutige Charlie Blackmore, macht sich auf eine spannende Reise, um seine Familie wieder aus den Klauen des fiesen Barons zu befreien. Dazu wäre Charlie eigentlich zu klein, aber Matroschkas können ja in andere hineinschlüpfen und so übernimmt Charlie andere, größere Figuren und mit ihnen unterschiedliche Fähigkeiten. Und von den Fähigkeiten gibt es wirklich viele. Als Matroschka mit einem Ölfass auf dem Kopf verschüttet man Öl, mit einer Violine spielt man Lieder, mit einer Bürste putzt man etwas, als Boxer schlägt man zu, mit einer Kerze auf dem Kopf zündet man etwas an und so weiter. Dies alles sind großartige Möglichkeiten, die miteinander kombiniert werden können, um dem bösen Baron als winziger Charlie Blackmore das Handwerk zu legen.

Pädagogische Beurteilung:
Stummfilm
Stummfilme sind oft wie Theaterstücke und bestechen durch ihre Ästhetik und die Schauspieler. Es ist alles Handarbeit und das ist faszinierend. "Stacking" greift diese alte Tradition konsequent wieder auf. So finden wir uns im Spiel offensichtlich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wieder. Die surreale, kreativ gestaltete Kulisse des Spiels wirkt wie selbst gebastelt und macht einen wichtigen Teil des Puppen-Computerspiels aus. Sepia-Farben, die das Spiel wie aus dem 19. Jahrhundert wirken lassen, bringen die Atmosphäre zusätzlich besser zur Geltung. Untermalt wird das Spiel von einer wirklich klassischen Musikauswahl. Von Chopin und Vivaldi bis zu Tschaikowsky und Mozart bekommt man hier die volle Ladung Violine und Piano. Sprechblasen wie in Comics wirken dabei im Spiel eher modern. Nach jeder gelösten Aufgabe kommt, wie in Stummfilmen üblich, die Schrifttafel in das flimmernde und an den Rändern nicht voll ausgeleuchtete Bild. Die Szenen werden dabei dargestellt, als würden sie auf einer Theaterbühne inszeniert. Das war übrigens einer der Kritikpunkte meiner Tester: „In "Stacking" sollte man schon lesen können, um die Geschichte zu begreifen" (Tester 10 Jahre). Hier unterscheidet sich "Stacking" wieder vom klassischen Puppenspiel, bei dem die Stimme der Figuren ja oft ein zentrales Element ist. Wie werden aber eigentlich Matroschkas unter diesen Umständen zu Schauspielern? Die Puppen in "Stacking" wirken auf den ersten Blick genauso statisch wie ihre hölzernen Vorbilder. Das verliert sich aber unglaublich schnell - trotz fehlender Sprachausgabe werden Emotionen und Gefühle allein durch die Bewegungen und Hintergrundgeräusche plastisch vermittelt. Die Tester waren von Beginn an von der Geschichte gefangen. Dabei scheinen manche Elemente der Story aus dem „Handbuch für den angehenden Sozialisten" entnommen zu sein.

Klassenkampf und Unterdrückung und noch Spaß dabei
Die Familie Blackmore ist am Rande des wirtschaftlichen Ruins oder fast schon einen Schritt darüber hinaus. Der Vater, der voller Hoffnung in seinem Gewerbe als Schornsteinfeger versucht, die Familie zu ernähren, scheitert an der Arglist des Arbeitgebers. Die Kinder der Blackmores, ebenfalls alle auf dem Weg ins Schornsteinfeger-Gewerbe, werden gezwungen, die drohende Kündigung wegen der Mietschulden mit Kinderarbeit abzuwenden. Der kleine Charlie Blackmore findet auf der Suche nach seiner versklavten Familie Hilfe bei einem Landstreicher, dessen oberstes Credo lautet: Auf Reisen sind wir solidarisch und helfen immer. Schon die erste Aufgabe führt Charlie in die Härten des kapitalistischen Alltags. Er muss einen Streik der Lokomotivführer mit den Arbeitgebern schlichten. Im weiteren Verlauf des Spiels wird das Thema Kinderarbeit immer wieder angesprochen. Dabei schaffen es die Macher des Spiels die Sympathien zugunsten der Armen zu verteilen, wodurch es an frühe Chaplin-Filme aus den Zeiten der großen Depression mit ihrem Spagat zwischen Humor, Ernsthaftigkeit und Melancholie erinnert.
"Stacking" ist immer noch ein Spiel mit dem Fokus auf Humor. Schnell merkten meine Tester, welchen Spaß es macht, in andere Figuren zu schlüpfen und verloren das zugrundeliegende sozialkritische Thema aus den Augen. Um zum Beispiel den Streik zu beenden, hat der Spieler mehrere Optionen. Wir entschieden uns für eine Matroschka mit der Fähigkeit zu furzen, führten diese an einen Lüfter und vertrieben nach Einsatz einer solchen Spezialfähigkeit drei Mitarbeiter der Bahngesellschaft aus ihrer Bar / ihrem Club. Anschließend sprangen wir mit Charlie in die drei Verhandlungsführer und redeten mit den Streikenden. Wenn das in echt so einfach wäre! Eine Hilfefunktion zeigt zudem noch den Einsatzort für Charlie Blackmore an. Besonders fordernd ist das nicht. Mit der Abfahrt aus dem Bahnhof und dem Ende des Streiks startet eine abenteuerliche und fantastische Reise durch einen Zeppelin oder vergoldete Dampfschiffe auf der Suche nach der Familie Blackmore und konfrontiert die Familie immer wieder mit den fiesen Schergen des Barons. Meist sind diese unglaublich dumm oder werden durch unsere Aktionen witzig überlistet. Die Gattung Slapstick lässt grüßen. Dabei haben wir wie zu Beginn immer mehrere Möglichkeiten zu Verfügung. Experimente bringen viel Spaß und gute Laune. Dabei helfen auch sogenannte Kapriolen (Extras) in den Kapiteln weiter. Diese haben zwar nichts mit der Hauptstory zu tun, fordern den Spieler allerdings auch über die Story hinaus auf, sich mit der Umgebung des Spiels auseinanderzusetzen. Die skurrilsten Figuren lassen sich so entdecken.

Puppentheater ist irgendwann vorbei
Ein kleines Manko ist die Länge des Spiels. Nach wenigen Stunden ist zumindest die Hauptgeschichte vorbei. Sicher gibt es noch einige Kapriolen zu entdecken, aber hier wäre sicher mehr drin gewesen. Bestimmt nicht nur deshalb haben die Macher des Spiels noch einen kleinen zweiten Teil angehängt. Wir erinnern uns an den Landstreicher? Dessen Geschichte ist mindestens ebenso spannend wie das Hauptspiel. Zu entdecken gibt es ein Königreich der Landstreicher namens Camelfoot. Landstreicher sind nämlich erst nach dem Verlust ihres Königs ein über die Welt verstreutes und verarmtes Volk geworden und so hilft der kleine Charlie Blackmore seinem Freund bei der Suche nach der zerbrochenen Krone des Königs.

Fazit:
"Stacking" ist eine Geschichte der Gerechtigkeit und der Möglichkeit, sich auch als Kleinster gegen die Gemeinheiten der Herrscher zur Wehr zu setzen, verpackt in eine Reminiszenz an die frühen Stummfilme und mit viel kreativem Potenzial in der grafischen Umsetzung. Gemeinheiten und ein ernstes Thema wie die Weltwirtschaftskrise und Kinderarbeit werden konsequent in humoristische Einlagen verpackt und lassen trotzdem genügend Raum für Reflexion und eine spannende Geschichte. Für uns sind Matroschkas in Zukunft nicht mehr nur ein russisches Souvenir für die Vitrine.

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Spieletester
Game On/Two Kinderhilfezentrum Düsseldorf
Düsseldorf
Bewertung Spielspass