Wenn Oma im Rennwagen sitzt...

Wenn Oma im Rennwagen sitzt... - Ein Kommentar

von Torben Kohring

In einem berühmten Kinderlied heißt es wörtlich „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Was in diesem Lied zusammengebracht wird ist natürlich die Tradition im Symbol des bäuerlichen Hühnerstalls und des damals wahrscheinlich als modern geltenden Fortbewegungsmittels Motorrad. Sicherlich ist das Motorrad nicht mehr der Inbegriff der modernen Technik aber auch heute noch verblüfft es komischerweise  viele Menschen, wenn Senioren sich der aktuellsten Technik bemächtigen. In vielen Vorträgen weise ich immer wieder auf die digitale Kluft hin, die sich zwischen den Kindern und Erwachsenen von heute auftut. Doch wenn noch junge Erwachsene zwischen dreißig und vierzig sich oftmals schon so schwer tun mit dem digitalen Zeitalter Schritt zu halten, wie schwer muss es dann erst für Menschen jenseits der 60 oder gar 70 sein sich solche Kulturtechniken anzueignen? Die Computerindustrie hat schon früh das Potenzial dieser stetig wachsenden Nutzergruppe erkannt und ihnen den Titel „Silver-Surfer“ gegeben. Grauhaarige Senioren waren eine zeitlang Teil eines jeden Nachrichtenjournals, doch 10 Jahre später ist auch dies Normalität geworden.  Und so gibt es einen neuen Begriff, der die Eroberung eines Mediums durch die Senioren beschreibt: „Silver Gamer“. Man braucht sich nichts vorzumachen, die meisten Spiele werden nach wie vor für Jugendliche und junge Erwachsene programmiert und genau von diesen auch konsumiert. Jedoch ist es erstaunlich, dass eine junge und eigentlich wendige Industrie wie die Computerspielebranche den Wii-Boom nicht noch stärker genutzt hat. Sicherlich kommen zunehmend Programme für Senioren auf den Markt, in den Sie auch den letzten ihrer Sinne mit irgendeinem „Dr. Sonstwie“ trainieren können und auch die unzähligen Simulationen der Eisenbahn oder Tiefbauindustrie werden eine große Zahl ihrer Abnehmer eher beim reiferen Klientel finden. Doch warum lassen sich auch herkömmliche Titel nicht besser an die Bedürfnisse von Senioren anpassen?  Wenn die motorischen Fähigkeiten eingeschränkt sind, ist oftmals auch der einfachste Schwierigkeitsgrad bei einem älteren oder körperlich eingeschränkten Menschen eine unüberwindbare Hürde, wenn die Augen nicht mehr mitspielen, auch mittelgroße Schrift auf dem Fernseher kaum noch zu entziffern. Wo sind die Einstellungen in herkömmlichen Rennspielen, die es Senioren ermöglichen, eine Software komplett nach ihren Bedürfnissen einzustellen. Geschwindigkeitseinstellungen oder hinzuschaltbare Hilfen, vorgelesene Texte oder eine Lupenfunktion würden Senioren oftmals auch populäre Titel näherbringen. Veranstaltungen wie „Silver Gamer Köln“ zeigen deutlich, dass Senioren bereit sind, sich auch mit populären Titeln auseinanderzusetzen und für Spiele wie „Need for Speed Shift“, „Peggle“ oder „Fifa 09“ große Begeisterung aufbringen können. Doch auffällig ist, dass die Lernkurve dieser Spiele für jüngere Spieler konzipiert ist, die zudem Erfahrung mit dem Medium besitzen. Sicherlich gibt es jetzt Spieler die denken „Schuster bleib bei Deinen Leisten!“ oder „Dann sollen sie doch ihre Trainer weiterspielen!“. Doch wer gesehen hat, wie bereichernd das gemeinsame Spiel für die Senioren an diesem Nachmittag war, kann sich einfach nur wundern, dass nicht mehr Fantasie aufgebracht wird, um auch Senioren Erlebniswelten zugänglich zu machen, die Ihnen im realen Leben oftmals versperrt bleiben. Und vielleicht spielt Oma dann demnächst auf der Konsole Fifa 15.