Tell Me Why

Genre
Adventure
USK
ab 12 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 14 Jahre
Vertrieb
Xbox Game Studios
Erscheinungsjahr
2020.08
Systeme
PC, Xbox One
System im Test
PC
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Ernsthafte Auseinandersetzung mit gesellschaftsrelevanten Themen
Zusatzinformationen ausklappen
Interessant für
Jugendliche, die sich mehr aufklären wollen
Sprache
Deutsch, Französisch, weitere
Grafik
anschauliche 3D Grafik
Sound
Naturgeräusche, die Eintauchen in die Welt Alaskas erleichtern; stimmungsvolle Musik

Steuerung
einfach
komplex
Anforderungen
einfach
schwer
Zeitaufwand
gering
hoch
Spielwelt
linear
offen

Indentifikationsfiguren
Tyler und Alyson als spielbare Charaktere, weitere Interaktionspartner_innen
Mehrspielermodus
nicht vorhanden
Spielforderungen
Sinn für moralisches Handeln
Zusatzkosten
nicht vorhanden
Problematische Aspekte
Thematisierung von Problemsituationen können emotional bewegen
Redaktion
Eva Hilger
Spieleratgeber-NRW
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Spielbeschreibung:
Ausgangspunkt des Konstrukts aus Geheimnissen, Rätseln und Erinnerungen, in das die Zwillinge Tyler und Alyson in Tell Me Why geworfen werden, ist die Zusammenkunft der beiden, nachdem Tyler aus Fireweed, einem Wohnzentrum für problembelastete Jugendliche, entlassen wird. Insgesamt verbrachte er die letzten zehn Jahre dort, da er seine und Alysons Mutter aus Notwehr vermeintlich tötete. Nun stehen beide vor einer unangenehmen Aufgabe: Das Haus, in dem sie mit ihrer Mutter gelebt haben und mit dem sie auch viel Negatives verknüpfen, soll leergeräumt und verkauft werden. Zusätzlich dazu erfahren die Zwillinge insbesondere einiges aus ihrer Vergangenheit sowie aus der ihrer Mutter, Mary-Ann. Dabei treffen sie auf alte und neue Bekannte und erinnern sich, oft auch gegensätzlich, an Ereignisse zurück. Stück für Stück wird so die wahre Geschichte um Mary-Anns Leben und Tod gelüftet und Alyson und Tyler der Abschied erleichtert. Schauplatz des Ganzen ist der fiktive Ort Delos Crossing in Alaska.

Pädagogische Beurteilung:
Erinnerungen und Dialoge
Die bereits erwähnten Erinnerungen, die Dialoge mit den Nebencharakteren sowie anschauliche Rätsel machen den interaktiven Part von Tell Me Why aus. In Situationen, die mit Mary-Ann zusammenhängen, können Alyson und Tyler sich an Geschehnisse ihrer Kindheit erinnern und diese hervorrufen, sodass beide Einblick erhalten. Wenn es zu Schlüsselszenen im Game kommt, muss sich allerdings für eine der beiden Personen entschieden werden, was verschiedene Auswirkungen auf die Charaktere haben kann. So kommt es vor, dass Tyler womöglich für einen Moment verärgert wird, sich aber letzten Endes doch wieder versöhnt. Neben dieser Fähigkeit gibt es noch eine Stimme, die die Geschwister sich teilen, sodass sie in ihren Gedanken miteinander kommunizieren können. Diese Stimme tritt ebenfalls nur in Schlüsselszenen auf, sie wird meist von einer wichtigen Entscheidung begleitet.
Während der Gespräche, die mit Freund_innen oder Bekannten geführt werden, gibt es ebenfalls ab und an schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, allerdings dienen diese auch dazu, mehr über Charaktere zu erfahren und sie in den Gesamtkontext der Handlung einzuordnen.

Kobolde und Rätsel 
Angelehnt an ihre Kindheit, in der Mary-Ann, Tyler und Alyson Geschichten über zwei Kobolde, eine Prinzessin und mehrere Tiere erfanden, die sowohl auf ihnen selbst sowie Freund_innen aus Delos Crossing basierten, stolpern die Zwillinge über verschiedene Rätsel. Hinweise lassen sich im Buch der Kobolde finden, in dem diese Geschichten gesammelt sind. Die Rätsel bestehen meist daraus, verschiedene Figuren zu verbinden, eine bestimmte Zahlenkombination einzutippen, Unterschiede zwischen Bildern zu finden oder Felder in einer bestimmten Reihenfolge anzuklicken. Durch diese unterschiedlichen Interaktionsmöglichkeiten ist das Spiel sehr abwechslungsreich und die manchmal lang erscheinenden Sequenzen werden aufgelockert.

Keine leichte Kost
Dass Tell Me Why keine simple Geschichte über Bruder und Schwester ist, zeigt sich bereits daran, dass Mary-Ann, wie sich später herausstellt, von Alyson verletzt wurde und schließlich vor den Augen ihrer Kinder ertrank, die zum diesem Zeitpunkt erst 10 Jahre alt waren. Im Laufe der Story erfährt man zusätzlich, dass Mary-Ann bereits vor den Zwillingen ein Kind hatte, das aber noch als Baby starb, was sie niemals komplett verkraften konnte. Neben Tod und Krankheit werden aber noch weitere komplexe Themen behandelt. Tyler ist ein Trans-Mann und wird mit dieser Tatsache oftmals konfrontiert. Als er und Alyson noch Kinder waren, schnitt diese ihm seine Haare kurz. Stolz auf seine neue Frisur, wollte er diese seiner Mutter zeigen, woraufhin sie ihn mit einem Gewehr verfolgte. Kurz darauf verstarb sie. Somit spielt die Identifikation mit seinem Geschlecht von Anfang an eine wichtige Rolle. Da das Setting ein kleines Dorf in Alaska ist, gibt es einige Personen, die noch nicht entsprechend aufgeklärt sind und Tyler zunächst kritisch beäugen. Das Schöne an Tell Me Why ist, dass gezeigt wird, wie diese Personen beginnen, Tyler nicht nur zu akzeptieren, sondern auch normal zu behandeln und bereit sind ihre Fehler einzugestehen. Das Entwicklerstudio Dontnod Entertainment hat außerdem vor dem Startbildschirm einen Disclaimer gestellt, in dem erklärt wird, dass bei der Entwicklung des Games mit Personen aus den Bereichen Kultur, psychischer Gesundheit und Transgender zusammengearbeitet wurde. Außerdem lassen sich auf der Website von Tell Me Why zusätzliche Informationen finden. Eine weitere Figur, die die LGBTQ+ Community repräsentiert, ist Michael, ein alter Freund von Alyson, der während seiner Schulzeit eine Beziehung zu einem Jungen hatte und sich aufgrund von homophoben Erfahrungen einer LGBTQ+ Organisation anschloss. Er repräsentiert einen selbstbewussten und offenen jungen Mann.

Kritische Themen
Weiterhin erhalten wir Einblicke in die mentale Gesundheit einiger Charaktere. So wird Alyson z.B. bereits seit mehreren Jahren von Panikattacken begleitet, kann sich allerdings keine Therapie leisten. Nach einem Streit mit Tyler verschlechtert sich ihre Situation; wir erfahren, dass sie die ganze Nacht kaum geschlafen hat und von Albträumen und schlechten Erinnerungen geplagt wird. In einer Szene sieht man ebenfalls, wie sie ihren Kopf unter Wasser taucht und in dieses rein schreit. Mary-Ann hat mit schwierigen Verlusten zu kämpfen und beschreibt, dass sie durch den Tod ihres ersten Babys von einer Prinzessin zu einer glanzlosen Frau wurde. Sam, ein alter Freund Mary-Anns, der allerdings mehr für sie als nur Freundschaft empfindet, wandte sich nach ihrem Tod und seiner gescheiterten Beziehung zu seiner Ex-Frau dem Alkohol zu. Das Entwicklerstudio Dontnod Entertainment ist der offene, aufzeigende Umgang mit kritischen Thematiken durchaus bewusst und geht auf sensible Weise damit um, indem am Ende des Spiels Suizid Hotlines eingeblendet werden.
Dadurch, dass wir uns in Alaska befinden, das sehr stark vom Klimawandel betroffen ist, wird auch diese Tatsache gerade durch die jüngeren Charaktere immer mal wieder thematisiert.

Durch die Krisen steuern
Die Steuerung erfolgt hauptsächlich durch Klicken oder per Pfeiltasten und stellt daher keine Schwierigkeit dar. Das Adventure ist an sich sehr simpel, aber bietet durch die verschiedenen Rätsel und Interaktionen ein abwechslungsreiches Erlebnis. Dieses wird von atmosphärischen Naturgeräuschen und sanfter Musik begleitet und die Dialoge sind durchweg synchronisiert. Tyler und Alysons Geschichte ist in einer realistisch angehauchten 3D Grafik gehalten.

Fazit
Das Familiendrama um Tyler und Alyson bietet eine spannende, teils gefühlvolle, teils tragische, aber auf keinen Fall einfache Geschichte. Die Schicksalsschläge und persönlichen Hintergründe der Charaktere können jüngere oder sensible Spieler_innen emotional bewegen, sodass vorher reflektiert werden sollte, ob man sich dem aussetzen möchte.