Streaming

Waren bis vor kurzem noch Let`s Plays (kommentierte Gameplayvideos) in aller Munde, gewinnt mittlerweile das Thema „Streaming“ immer mehr an Bedeutung. Hierunter wird die Live-Übertragung des digitalen Spielens verstanden. Technisch funktioniert das kinderleicht. Einmal bei einem Dienst angemeldet, reicht ein Knopfdruck, um auf Sendung zu gehen. Und das rund um die Uhr und komplett kostenlos. Üblicherweise blendet der Streamer auch sein Gesicht mittels Facecam ein und überträgt die Sprach-Kommentare. Die Zuschauer können wiederum direkt über den Chat mit dem Streamer in Kontakt treten, wodurch die Barriere der vierten Wand aufgebrochen wird. Der Zuschauer sieht nicht nur passiv zu, sondern bringt sich aktiv ein, diskutiert mit anderen, erhält oft ein direktes Feedback vom Streamer selbst und fühlt sich so weniger als passiver Konsument.
Was technisch so einfach vonstattengeht und von Fans digitaler Spiele als spannend und reizvoll erlebt wird, ist allerdings aus rechtlicher und pädagogischer Perspektive sehr komplex. Im folgenden Beitrag erfahren Eltern, was es beim Streaming zu beachten gilt.

Von Daniel Heinz und Jan Wall

Streaming-Dienste

Zunächst werden die beiden prominentesten Streaming-Dienste unter die Lupe genommen. Im Bereich der digitalen Spiele sind das Twitch.tv und YouTube Gaming.

Twitch.tv
Twitch.tv (im Folgenden kurz als Twitch bezeichnet) hat den Trend für Liveübertragungen von digitalen Spielen ins Leben gerufen. Die ursprünglich als Justin.tv benannte Plattform existiert bereits seit 2011 und ist somit kein neues Angebot. Im Laufe der Zeit erfreute es sich immer höherer Beliebtheit und bindet laut der letzten offiziellen Angabe über 3 Millionen aktive Streamer und täglich ca. fünfzehn Millionen Zuschauer. Kein Wunder also, dass der erfolgreiche Dienst vom Online-Versandhändler Amazon im Jahr 2014 für 970 Millionen US-Dollar gekauft wurde. Seit dem Frühjahr 2017 können digitale Spiele sogar während des Zuschauens auf dem Kanal des Streamers erworben werden.
 
Der Aufbau ähnelt anderen Videoplattformen. Nutzer/innen können wahlweise Kanäle besuchen oder den Stream eines bestimmten digitalen Spiels besuchen. Hier konkurrieren zahlreiche Amateure mit nur wenig Abonnenten mit bekannten Szene-Größen um die Gunst der Zuschauer. Auch Gaming-Events werden live übertragen. Beispielsweise nationale und internationale Matches im E-Sport, dem elektronischen Sport.
Doch auf Twitch wird nicht nur gezockt. Seit geraumer Zeit wird mit “Twitch Creative” auch kreativen Köpfen eine Plattform geboten. Hier finden sich Streams zum Programmieren, Zeichnen, Basteln und anderer skurriler Dinge. Beispielsweise ist mit „Social Eating“ ein neuer Trend entstanden, bei dem gemeinsam gegessen und miteinander gechattet wird. Und eine ältere Dame verliest regelmäßig aus einem Märchenbuch – beobachtet von tausenden Zuschauern.

YouTube Gaming
YouTube ist ohnehin eine angesagte Plattform bei Jung und Alt. Neben Musik, Comedy und Lifestyle gehören Let`s Plays zu den beliebtesten Genres der Video-Plattform. Die Sammlung von Let`s Plays und die Etablierung eines eigenen Streaming-Angebots unter dem Dach YouTube Gaming im Jahr 2016 war somit ein konsequenter Schritt, um den großen Nutzerstamm nicht an die aufstrebende Konkurrenz Twitch zu verlieren.
 
Interessante Spiele lassen sich zu einer Sammlung hinzufügen und bei kommenden Besuchen der Seite bleibt der/die Nutzer/in auf dem Laufenden. Der Vorteil bei YouTube Gaming liegt in der Anzahl an dort abrufbaren On-Demand-Videos wie Let`s Plays. Nutzer_innen werden aktiv darauf aufmerksam gemacht, wenn ein Kanal, der abonniert wurde, gerade live streamt. Laut Befragungen in der Community sind auch die deutschen Szene-Größen Rocket Beans ein mächtiges Zugpferd für YouTube Gaming. Sie zeigten ihr Programm für einige Zeit exklusiv auf dem Angebot. Wer über einen Google-Account verfügt, ist bereits auf YouTube registriert. Und auch sonst ist die Registrierung unkompliziert.

Faszination des Zuschauens

Die Beliebtheit von Streams kann (wie bei allen Webvideo-Inhalten) mit der niedrigen Einstiegshürde begründet werden. Jeder kann sich die Angebote anschauen – auch ohne vorherige Anmeldung. Die Streams werden gerne auf mobilen Geräten geschaut und spätestens mit dem eigenen Computer oder Smartphone steht den Heranwachsenden ein immenses kostenloses Angebot zur Verfügung.
Jeder kennt das Phänomen aus Fernsehsendungen: Live-Übertragungen wirken wesentlich authentischer als Aufzeichnungen. Es ist der Charme des Unvorhersehbaren. Wer möchte sich schon ein Spiel der Nationalelf bei der Weltmeisterschaft als Aufzeichnung anschauen? Der große Vorteil an Live-Übertragungen ist auch gleichsam ein Nachteil gegenüber den On-Demand-Videos. Denn hier entsteht erneut eine Bindung an Sendezeiten. Somit kann ein gewisser Termindruck entstehen, wenn ein bekannter Streamer seine Übertragung startet. Regelmäßige Sendetermine lassen einen Vergleich mit Daily Soaps zu. Identifiziert sich ein Zuschauer mit einem Streamer, so will er sehen, wie es im Spiel weitergeht und was er oder sie aus dem Leben berichtet. Denn die Macher dieser Videos wirken oft sehr persönlich. Zuschauer können durch Kommentare mit ihren Stars diskutieren, sie werden direkt angesprochen und der Streamer geht auch auf Wünsche seiner Fans ein.

Zudem werden auf Twitch und YouTube Gaming E-Sport-Wettbewerbe und Events live übertragen. Die Spannung, welche hier entsteht, kann verglichen werden mit der einer Fußball-Übertragung. Hier wie da gibt es professionell organisierte und kommerziell ausgerichtete Vereine, die um nationale und internationale Meistertitel spielen, darunter auch Teams des VfL Wolfsburg und FC Schalke 04.

Quelle: Youtube Gaming

Faszination des Streamens

Aufgrund des amateurhaften Charmes und der hohen Beliebtheit ist es kaum verwunderlich, dass viele Jugendliche ihren Stars nacheifern und eigene Streaming-Kanäle gründen. Und der Weg vom Konsument zum Produzent ist denkbar einfach. Nach der Registrierung kann direkt ein Stream gestartet werden. Gegebenenfalls muss noch eine Webcam und ein zusätzliches Mikrofon angeschafft werden – und schon ist man mittendrin statt nur dabei.
Was die jungen Streamer_innen hier finden, ist eine (positive oder negative) Rückmeldung. Ziel ist es natürlich, möglichst viele Zuschauende für sich zu gewinnen. Und je höher die Abonnementenzahl (Subscriber) und je mehr Zuschauer dem Geschehen folgen, desto höher ist das Selbstwirksamkeitserleben des Kanalbetreibers. Gerade in der Jugendphase suchen Heranwachsenden nach einer solchen Form der Bestätigung innerhalb ihrer eigenen Kultur. So ist es kaum verwunderlich, dass sie sich solche Dienste als Plattform der Selbstrepräsentation aussuchen.
Für manche Streamer_innen kann der eigene Kanal allerdings auch frustrierend sein. Denn sie konkurrieren mit kommerziell ausgerichteten Kanälen, die bereits einen hohen Zuschauerstamm haben und hinter denen professionell agierende Medienkonzerne stehen. Und sie müssen sich einer kritischen Öffentlichkeit und dem Bewertungssystem stellen.

Das 90-9-1 Prinzip

Allerdings wird nicht jeder Konsument auch gleich zum Produzent. Das 90-9-1 Prinzip, welches die Seite broadmark.de in Bezug auf YouTube aufgegriffen hat, gilt auch bei Twitch. So sind 90% der Nutzenden stets nur stille Beobachtende der hochgeladenen Videos, 9% der Nutzer sind Akteur/-innen, die unter anderem kommentieren und bewerten. Nur 1% sind selbst als „Hersteller/-innen“ von Videos aktiv.

Jugendschutz & Streaming

Das Angebot an Streams zu digitalen Spielen ist umfang- und facettenreich. Und darunter fallen auch Angebote zu digitalen Spielen, die nicht für Jugendliche freigegeben sind. Wie auch bei anderen Plattformen der Fall, bietet auch Twitch.tv und YouTube Gaming nur ein unzureichendes Jugendschutzsystem. Sprich: Ob bei der Anmeldung via Facebook-Account oder bei einer Neuregistrierung wird das Alter nicht verifiziert. Und auch Nutzer_innen unter 12 Jahren haben Vollzugriff auf die jeweiligen Streams. Hierunter befinden sich auch zahlreiche Szenen von digitalen Spielen, die in Deutschland von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) keine Jugendfreigabe erhalten haben.

Nicht altersgerechte Medieninhalte können Minderjährige nachhaltig ängstigen, verunsichern oder anderweitig entwicklungsbeeinträchtigend oder gar -gefährdend wirken. Erwähnt sei allerdings auch die Tatsache, dass die digitalen Spiele von der USK aufgrund ihrer Interaktivität beurteilt werden. Im Falle der Streams handelt der Zuschauer nicht aktiv, weshalb auch die Wirkmacht geringer sein könnte.

Gründe für den unzureichenden Jugendschutz
Während digitale Spiele, die auf einem Trägermedium, sprich auf einer DVD oder Blu-ray Disk, erscheinen, in Deutschland für ein gesetzliches Alterskennzeichen von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) geprüft werden müssen, verhält es sich bei den Streams anders. Aufgrund des veränderten Angebotsweges handelt es sich um ein Telemedium. Und hierfür besteht wiederum keine gesetzliche Kennzeichnungspflicht. Weiterhin sind der Sitz des Streaming-Unternehmens und die dortigen Jugendschutzbestimmungen entscheidend. Weitere Informationen finden sich in der Rubrik Jugendmedienschutz.

Möglichkeiten des Schutzes
Die prominenten Plattformen bieten Eltern keine technische Unterstützung dabei, den Jugendschutz im Allgemeinen festzulegen. Sprich: Die USK-Kennzeichen eines Spiels sind nicht in den Videos selbst hinterlegt und können dadurch nicht von einer Filterlösung ausgelesen werden. Die Streamer selbst haben allerdings die Möglichkeit, ihr Angebot für Erwachsene auszuweisen.
Auf YouTube Gaming wird in diesem Fall den nicht registrierten Nutzern der Zugriff verwehrt. Eltern können auf dem YouTube-Account den so genannten „Eingeschränkten Modus“ aktivieren, wodurch potenziell nicht jugendfreie Inhalte herausgefiltert werden. Die Funktion ist allerdings für jeden eingeloggten User leicht zu finden, weshalb dieser Schutz auch vom Nachwuchs recht einfach deaktiviert werden kann. Wenn sich ein Minderjähriger mit eigenem Account (und ggf. mit falschem Geburtsdatum) anmeldet, lassen sich die Videos dennoch problemlos anschauen.
Auf Twitch ist die Umsetzung des Jugendschutzes noch weniger restriktiv. Der Nutzer erhält lediglich eine Mitteilung, dass sich der Kanal an Erwachsene richtet - und hat nur eine Option, nämlich „Anschauen“ (siehe Bild). Hier müssten Eltern direkt daneben sitzen und die Nutzung aktiv unterbinden.

In Jugendschutzfiltern kann eine so genannte „Whitelist“ angelegt- und Kanäle erlaubt werden, die keine, für Minderjährige problematischen Angebote streamen. Das ist allerdings recht umständlich.


Problematische Interaktionen
Durch die Moderation und die Live-Kommentare anderer Nutzer kommt ein weiterer problematischer Aspekt hinzu. Das Material ist unbearbeitet und birgt aufgrund seiner Unvorhersehbarkeit Jugendschutzrisiken. Es kann vorkommen, dass der Streamer sich in einer Situation – ob bewusst oder unbewusst - unangemessen äußert. Dies kann von kommerziell ausgerichteten Aufforderungen bis hin zu politischen Statements reichen. Erst kürzlich wurde der Vorwurf laut, ein bekannter Let`s Player habe sich mehrfach in seinen Videos antisemitisch geäußert.
Und wie vielfach im Internet üblich, verhalten sich die User nicht immer verantwortungsbewusst. Da kann es vorkommen, dass Trolle eine unsachgemäße Diskussion starten, den Streamer beleidigen oder anderweitig zu stören versuchen. Um solche problematischen Konversationen zu verhindern, haben die Dienste in ihren Nutzungsbedingungen und Community-Richtlinien diverse Verhaltensregeln festgehalten. Wer gegen diese verstößt, wird verwarnt oder gar dauerhaft ausgeschlossen. Strafrechtlich relevante Tatbestände werden zudem zur Anzeige gebracht.

Moderation
Die Streaming-Kanäle sind grundlegend unmoderiert. Der Kanalbetreiber kann dies von dem zusätzlichen Tool Automod erledigen lassen. Hier wird der Chat nach bestimmten Schlagworten wie identitätsverletzende, sexuell explizite und/oder aggressive Sprache gefiltert. Das Tool funktioniert allerdings nur mit englischer Sprache und wird erst in Zukunft für den deutschen Markt erweitert.
Es ist üblich, dass bestimmte Zuschauer vom Streamer zu Moderatoren ernannt werden. Sie haben die Befugnis, bei bestimmten Verletzungen wie Hassrede oder anderer Diffamierungen aktiv zu werden und den Störer zu verwarnen oder auszuschließen (bannen). Letztlich ist es allerdings der Kanalbetreiber selbst, der für die im Kanal vorhandenen Inhalte und Konversationen verantwortlich ist.

Kommerz & Streaming

Die Kommerzialisierung auf der Plattform Youtube wird in diesem Artikel beschrieben. Auf der Streaming-Plattform Twitch gibt es allerdings einige Besonderheiten, die im Folgenden erläutert werden.

Abonnements (Subscriptions)
Die Nutzung der Plattform ist grundlegend kostenfrei. Zuschauer, die Fans eines bestimmten Streamers sind, können deren Kanal für selbstständig bestimmte Beträge von ca. 5-20 US-Dollar pro Monat abonnieren. Die Gewinne teilt sich der Streamer mit dem Anbieter. Es hat sich etabliert, dass zahlenden Fans exklusive Features angeboten werden – etwa Gewinnspiele unter Subscribern, spezielle Emotes (Smileys und Ähnliches), oder die Möglichkeit, gegen den Kanalbetreiber antreten oder gemeinsam spielen zu können. Zuverlässige und verantwortungsbewusste Fans werden auch manchmal zu Moderatoren ernannt. 

Spenden (Donations)
Subscriber haben zudem die Möglichkeit, dem Streamer Geld zu spenden. Dies wird im Fachjargon „Donation“ genannt. Die Praktik kann verglichen werden mit der Spende an einen Straßenmusiker. Wenn ich mich an dem künstlerischen Akt erfreue, dann lasse ich ein paar Groschen in den Hut wandern.

Laut Bundesverband interaktiver Unterhaltungssoftware e.V. (BIU) hat bereits jeder zehnte Zuschauende freiwillig gespendet. Weitere 3,6 Millionen Deutsche können sich vorstellen, Let’s Player oder Streamer in Zukunft auf diese Weise zu unterstützen.

Donations laufen nicht über den Dienst selbst, sondern über Drittanbieter wie PayPal.

Twitch Prime
Wer Amazon Prime-Kunde ist, kann die Vorzüge von Twitch Prime nutzen. Dies umfasst neben kostenlosen Spielen und exklusiven Ingame-Inhalten auch werbefreies Zusehen, ein kostenloses Kanal-Abonnement pro Monat, Chat-Abzeichen und exklusive Emotes. 

Twitch Partner-Programm
Streamer mit einer hohen Reichweite können sich bei dem Partner-Programm bewerben, um an Werbeeinnahmen mitzuverdienen. Pro 1.000 Einblendungen erhält der Gamer einen Betrag. Dieser varriert und liegt zwischen 2-5 Dollar. Den Partner-Status kann allerdings nicht jeder erwerben. Hierfür muss der Kanal-Betreiber mindestens dreimal in der Woche streamen und durchschnittlich 500 Zuschauer erreichen, um Premium Partner zu werden. Allerdings können sich auch Streamer mit niedrigerer Reichweite bewerben. Hier wird dann im Einzelfall entschieden. 

Link-Einblendungen
Auch für Link-Einblendungen während des Streams oder in der Beschreibung (so genannte Affiliate-Links), die auf die Website eines Drittanbieters führen, erhalten die Kanalbetreiber eine Vergütung.

Verkäufe von digitalen Spielen
Im Frühjahr 2017 startete Twitch eine neue Initiative, die den Verkauf von Spielen und Ingame-Objekten auf Twitch ermöglicht. Überträgt der Streamer ein digitales Spiel, wird ein „Kauf-Button“ für das Spiel selbst oder kostenpflichtige Zusatzinhalte auf der Kanalseite angezeigt. Hierüber kann der Zuschauer das jeweilige Spiel direkt über die Plattform Amazon beziehen. Twitch-Partner erhalten einen Anteil von 5 % von den erzielten Einnahmen, die über ihren Kanal generiert wurden. Somit könnten Streamer dazu verleitet werden, ein Spiel anzupreisen, um Gewinne einzustreichen.

Weitere rechtliche Aspekte

Gerade beim aktiven Streamen gilt es zahlreiche Regeln zu beachten. Darunter das Urheberrecht, die Impressumspflicht und die Rundfunklizenz.

Urheberrecht
Sämtliche im digitalen Spiel enthaltenen Inhalte wie beispielsweise Bilder, Videos und Musik sind im Sinne des § 2 UrhG als „persönliche geistige Schöpfungen“ urheberrechtlich geschützt. Und auch das Gesamtwerk genießt urheberrechtlichen Schutz (§ 2 Abs. 1 Nr. 6 UrhG). Somit bedarf es der Erlaubnis des Rechteinhabers, wenn geschützte Inhalte im Internet verbreitet werden, wie es beispielsweise beim Streaming geschieht. In der Praxis wird diese Erlaubnis allerdings eher selten eingeholt. Viele Spiele-Publisher dulden das Streaming und erkennen es als Werbung für das gespielte Produkt an. Manche von ihnen bieten sogar Duldungserklärungen an, welche sich auf das Streamen und auch die Monetarisierung (Erzielen von Gewinnen) unter bestimmten Voraussetzungen beziehen. Streamer sollten sich informieren und eine solche Duldungserklärung einfordern, bevor sie ein digitales Spiel übertragen oder ein Video veröffentlichen. In vielen Gaming-Streams ist im Hintergrund Musik zu hören. Während die Aufnahme des Sounds eines Spiels in der Regel erlaubt ist, kann das Abspielen von urheberrechtlich geschützten Klängen aus Radio, Internet oder von einer CD zu einer Abmahnung des Rechteinhabers führen. Selbst ein Ausschnitt eines Liedes kann für eine Verwarnung ausreichen. Um Urheberrechtsverletzungen zu umgehen, bietet der Streaming-Anbieter Twitch auf „Twitch Music“ zahlreiche rechtefreie Songs zur kostenlosen Verwendung an. Weitere Informationen zum Urheberrecht.

Impressumspflicht
In § 15 TMG und § 55 RStV wird geregelt, dass eine nicht ausschließlich private Nutzung durch eine entsprechende Anbieterkennzeichnung geregelt werden muss. Da die meisten Streamer ihre Inhalte auch über eigene Websites oder Social Media Kanäle verbreiten, sind ein Impressum und eine Datenschutzerklärung notwendig.

Rundfunklizenz
Streaming-Dienste wie Twitch und YouTube Gaming, aber auch andere Dienste wie Google Hangouts, Periscope und YouNow, können als Jedermann-TV verstanden werden. Wer Lust und Laune hat, knipst die Kamera an und beginnt die Übertragung. Eine zentrale Frage ist, ob es sich bei einem Stream um zulassungspflichtigen Rundfunk handelt. Denn Privatwirtschaftliche Betreiber von Rundfunkanstalten benötigen in Deutschland nach § 20 Rundfunkstaatsvertrag (RStV) eine Zulassung (Lizenz). Diese wird von den Landesmedienanstalten nach einer Prüfung vergeben. Die gesetzlichen Grundlagen für das Phänomen beziehen sich allerdings noch auf Zeiten, in denen es lediglich Radio und Fernsehen gab. Die Medienanstalten bieten eine Checkliste an, die von Anbietern von Internetvideos und -streams zu Rate gezogen werden kann. 

Lineare Verbreitung
Hiermit ist gemeint, dass Zuschauer nicht selbst bestimmen können, wann ein Medienangebot startet und endet. Dies ist grundlegend bei allen Live-Sendungen der Fall, so auch beim Streaming. Herkömmliche Let`s Play Videos sind hingegen „On Demand“. Sie werden asynchron zur Aufzeichnung abgerufen.

Erreichbarkeit von mindestens 500 Nutzern
Hiermit ist nicht gemeint, wie viele Zuschauer sich einen Stream anschauen, sondern die Anzahl an Personen, die theoretisch erreicht werden könnten. YouTube Gaming und Twitch bieten keine Möglichkeit, den Empfängerkreis auf eine bestimmte Personenzahl zu beschränken. Womit dieser Punkt bei allen Streams über Twitch und YouTube Gaming erfüllt wäre.

Journalistisch-redaktionelle Gestaltung des Angebots
Wird ein digitales Spiel einfach unkommentiert gestreamt, so ist es nicht journalistisch-redaktionell aufbereitet. Anders sieht es jedoch aus, wenn es moderiert wird, wie es herkömmlich auf Streaming-Plattformen der Fall ist. Eine Begrüßung, die Rahmung des Geschehens, die Bereitstellung des Bildes einer Facecam – all dies kann als journalistisch-redaktionelle Gestaltung angesehen werden.

Umfang, Ausdifferenzierung und Planung des Angebotes
Wer probeweise einen Stream anbietet, muss keine Rundfunklizenz haben. Anders sieht es jedoch bei Kanalbetreibern aus, die in einer gewissen Regelmäßigkeit live übertragen, unterschiedliche Formate anbieten oder gar einen „Sendeplan“ haben. Hierbei könnte es sich um zulassungspflichtigen Rundfunk handeln.

Folgen der Rundfunklizenz
Werden alle Fragen mit „ja“ beantwortet, handelt es sich um zulassungspflichtigen Rundfunk. Hier sollte die Landesmedienanstalt in dem jeweiligen Bundesland kontaktiert werden. Es ist auch möglich, einen Antrag auf Unbedenklichkeitsbescheinigung zu stellen. Handelt es sich um zulassungspflichtigen Rundfunk, muss entweder das Angebot innerhalb von 3 Monaten angepasst oder eine Rundfunklizenz beantragt werden. Die Kosten für einen solchen Antrag liegen bei 1.000 bis 10.000 Euro. Wer eine solche Lizenz hat, muss sich auch aktiv um den Schutz seiner Zuschauer kümmern. Beispielsweise dürfen lizensierte Rundfunkbetreiber Inhalte, die nicht für Kinder und Jugendliche geeignet sind, erst nach 22 Uhr übertragen. Zudem müssen sie einen Jugendschutzbeauftragten stellen, der sich dem wichtigen Thema widmet und beispielsweise bei Hassrede aktiv wird. Die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Medienanstalten ist die Kontrollinstanz, die bei Verstößen aktiv wird. Bei Verstößen kann es zu hohen Bußgeldern kommen. 

Aktuelle Situation
Im momentanen Stadium ist das Live-Streaming ein unregulierter Wildwuchs. Dieser hat durchaus seinen Charme. Und die Tatsache, dass theoretisch jeder Zuschauer die Möglichkeit hat, direkt mitzuwirken, ist für viele Gaming-Fans reizvoll und spannend. Allerdings stehen die gesetzlichen Regelungen im Kontrast zum alltäglichen Medienhandeln. Vermutlich kennen nur wenige Streamer diese Gesetzeslage und ordnen ihr Angebot aufgrund der verwirrenden Namensgebung nicht als Rundfunk ein. Jugendliche Streamer werden argumentieren „Das machen doch alle ohne Lizenz“. Die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten setzt allerdings von Zeit zu Zeit Signale und ging in der Vergangenheit z.B. gegen den bekannten Kanal „PietSmietTV“, vereinzelt aber auch gegen vermeintlich kleinere Streamer vor. Was hier vielen Kanalbetreibern und Zuschauern unfair erschien und im klaren Kontrast zum alltäglichen Medienhandeln stand, ist allerdings nicht als Schikane gedacht. Die Vorsitzende dieser Kommission, Siegfried Schneider, sagt in einer Pressemitteilung „Das Netz ist voll von rundfunkähnlichen Angeboten. Daher sollte es hier zeitnah zu einer Anpassung der Gesetze kommen. Wir brauchen offline wie online gleiche Voraussetzungen für Rundfunkangebote.“ 

Hinweis
Streamer müssen sich bewusst sein, dass sie, trotz sehr geringer Wahrscheinlichkeit, für ihr Angebot ohne Rundfunklizenz belangt werden können. Ein neuer Gesetzesentwurf, welcher Spiele-Streamern mehr Freiheit gewährt, steht bereits. Wann genau die geplanten Änderungen in Kraft treten ist noch nicht klar.

Weitere Informationen
ZAK-Pressemitteilung 07/2017; ZAK beanstandet Verbreitung des Let’s-Play-Angebots „PietSmietTV“ per Internet-Stream.

Reaktion des Kanals PietSmiet.

Kompetenzerwerb

Kinder und Jugendliche müssen lernen, sich kompetent mit Medien auseinanderzusetzen. Nach Schorb besteht Medienkompetenz aus den drei Dimensionen:

⦁ Medienhandeln (als Medienaneignung, -nutzung, -partizipation, -gestaltung)
⦁ Medienwissen (als Funktionswissen, Strukturwissen, Orientierungswissen)
⦁ Medienbewertung (als kritische Reflexion, ethisch und kognitiv basierte Qualifizierung) 

Wer sich als Streamer versucht, kann viel lernen und sich aktiv mit diesen Fähigkeiten auseinandersetzen.

Medienwissen eignen sich die Streamer auf vielfältige Weise an. Sie lernen den Aufbau und die Funktionsweise von Streams kennen und müssen wissen, wie die Strukturen von Streaming-Plattformen und der Community funktionieren. Bevor sie Spielhandlungen live übertragen, gilt es idealerweise interessante Hintergrundinformationen zum jeweiligen Spiel und der Technik zu sammeln, um damit die Moderation zu garnieren.

Die Medienbewertung findet gleich in doppelter Form statt. Einerseits wird das Spiel als Gegenstand kritisch reflektiert und kommentiert, andererseits setzen sich die Jugendlichen auch mit den formalen wie kommerziellen Strukturen hinter ihren Idolen und den Umgangsformen im Internet auseinander. 

Durch das produktive Medienhandeln erlernen sie wertvolle technische und kommunikative Kompetenzen für die selbstbestimmte Partizipation in einer digital geprägten Gesellschaft. Allein die beiden Tätigkeiten „Spielen“ und „Moderieren“ sinnvoll miteinander in Verbindung zu bringen, stellt eine hohe Anforderung an den Streamer dar. Dies dann noch unterhaltsam und interessant darzubieten und zeitgleich auf das Publikum zu reagieren, ist eine Kunst für sich. Neben dem kommentierten Spielen muss das Angebot auch sonst ansprechend gestaltet sein, um Zuschauer zu binden. In anschließenden Nachbearbeitung lernen Streamer Audiobearbeitung, Videoschnitt, das Erstellen eines Kanal-Intros (einer kurzen Videosequenz mit animiertem Logo und Sounduntermalung). Weiterhin gilt es oftmals einen Webseitenauftritt zu gestalten und Social Media Kanäle zu bespielen. Hier wird ein hohes Maß an Community-Management gefordert. 

All diese Fähigkeiten sind nicht nur wichtig im kompetenten Freizeithandeln, sondern werden heute in Teilen der Arbeitswelt gefordert und können somit auch berufspraktisch relevant werden.

Tipps für Eltern

Die Ausführungen machen deutlich: Aufgrund der raschen (Weiter-)Entwicklung von digitalen Trends kommt der gesetzliche Jugendschutz und auch andere Regelungen für Medien an die Grenzen. So lange sich die derzeitige Situation nicht ändert, ist der erzieherische Jugendschutz wichtiger denn je. Und Eltern sind hier mit Herausforderungen konfrontiert, die viel Fingerspitzengefühl erfordern. 

Schauen Sie sich selbst Streams an!
Gleichsam Streams und auch Let`s Play Videos können Ihnen einen audiovisuellen Einblick in digitale Spielangebote bieten – und damit in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. Lassen Sie sich doch einmal die Lieblings-Streamer Ihres Kindes zeigen. So erhalten Sie direkt einen Einblick, mit wem und was Ihr Kind seine Freizeit verbringt.

Sensibilisieren Sie Ihr Kind hinsichtlich des Jugendschutzes!
Gerade weil sich die Nutzung des Smartphones und dem Medienhandeln bei Freunden der elterlichen Kontrolle entzieht, helfen offene Worte mehr als restriktive Verbote. Schließlich sollte Ihr Kind nicht hinter Ihrem Rücken handeln und in Ihnen eine Vertrauensperson sehen, die es ansprechen kann, wenn es zu Problemen kommt. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, gegenüber den Medienphänomenen eine Haltung einzunehmen, Regeln zu vereinbaren und diese auch in der Familie begründet zu vertreten. Wie in diesem Dossier dargelegt, ist das Anschauen von Streams für Heranwachsende nicht unproblematisch. Sie sollten ihrem Kind deutlich machen, dass Sie nicht damit einverstanden sind, wenn es nicht altersgerechte Inhalte nutzt.

Vorsicht beim Streamen!
Die deutschen Landesmedienanstalten ordnen Streams als zulassungspflichtiges Rundfunkangebot ein und drohen mit dem Verbot des Betriebs – bis hin zu hohen Bußgeldern. Bis die Sachlage geklärt ist, sollten Streamer vorsichtig sein und sich regelmäßig informieren.

Kinder schützen!
Auch Kinder interessieren sich für Streams. Sie schauen sich Live-Übertragungen von Minecraft an – und können schnell auf Abwege geraten und bei Angeboten landen, die nicht für ihr Alter freigegeben sind. Aus diesem Grund sollten Eltern die Nutzung bei den Jüngsten entweder komplett untersagen oder sie zumindest dabei aktiv begleiten. Jugendschutzsoftware kann so eingestellt werden, dass Seiten wie Twitch oder YouTube Gaming komplett gesperrt sind und nur von den Eltern temporär freigeschaltet werden können. 

Heranwachsende stark machen!
Auch auf Streaming-Plattformen tummeln sich Trolle und stören die Chats. Heranwachsende sollten den Umgang mit Online-Kommunikation bestenfalls in Begleitung erlernen. So können sie erfahren, dass Angriffe meist nichts mit ihnen selbst, sondern mit dem Frust des Gegenübers zu tun haben. Es gilt zu lernen, wie sie unsoziale Kommentare melden oder sich angemessen zur Wehr setzen. Reflektierte Minderjährige werden zudem auch seltener selbst zu Tätern. Kinder stark machen bedeutet auch, ihnen Selbstständigkeit zuzutrauen und ihnen Vertrauen zu schenken.