Doki Doki Literature Club

Genre
Adventure
USK
nicht USK geprüft (?)
Pädagogisch
ab 16 Jahre
Vertrieb
Team Salvato
Erscheinungsjahr
2017.09
Systeme
PC
System im Test
PC
Homepage des Spiels
Hinweis(e)
Innerhalb der Beurteilung werden bereits einige Plottwists und Wendungen verraten.
Kurzbewertung
Psychologischer Horror versteckt in einem süßen Datingspiel
Zusatzinformationen ausklappen
Interessant für
Fans von japanischen Spielen, Animegrafik, unerwarteten Plottwists
Sprache
Englisch
Grafik
japanischer Animestil
Sound
schlichte Hintergrundmusik, später verstörende Effekte

Steuerung
einfach
komplex
Anforderungen
einfach
schwer
Zeitaufwand
gering
hoch
Spielwelt
linear
offen

Indentifikationsfiguren
männlicher Avatar und die vier weiblichen Mitglieder des Literature-Club
Mehrspielermodus
nicht vorhanden
Spielforderungen
viel Lesen, stabile Psyche, gute Englischkenntnisse
Zusatzkosten
Fan-Pack enthält Soundtrack, Wallpapers, Booklet und weitere Boni
Problematische Aspekte
Gewaltdarstellung, verstörende Thematik, Jumpscares
Gruppenleiter
Koray Çoban
Ü8 Elsa-Brandström-Schule Düsseldorf | Spieletester an der HHU
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Vier süße Anime-Mädchen, mit denen man bei einer Tasse Tee und Törtchen Gedichte liest. Am Ende kann man bestimmt mit einer von ihnen auch noch ausgehen. Was wird in einem Literaturclub groß passieren? Man schreibt Gedichte, beeindruckt die die Clubmitglieder damit, beeinflusst den Geschichtsverlauf ab und zu mit seinen Entscheidungen und hat damit am Ende das Herz einer der Frauen für sich gewonnen. Typisch japanisch eben, aber wem macht so ein Spiel den heutzutage noch Spaß? Bis dahin klingt es nämlich nach einem typischen Vertreter des populären Dating Sim-Genres, wenn da nicht diese Warnhinweise und Genre-Tags mit "Psychological Horror“ wären ... 

Text von Anastasia Kudinov

Pädagogische Beurteilung:
Willkommen im Literaturclub!
Bei Doki Doki Literature Club schlüpfen die Spieler_innen zunächst in die Rolle eines japanischen Schülers. Dieser wird von seiner Kindheitsfreundin und Nachbarin Sayori dem Literaturclub vorgestellt und danach irgendwie ungewollt Teil von diesem. Alles halb so schlimm, denn der Club besteht aus drei weiteren attraktiven weiblichen Charakteren: Der kleinen, fleißigen Natsuki, der stillen, schlauen Yuri und der Präsidentin Monika. Die Spielmechanik besteht, wie bei vielen japanischen Visual Novels oder Dating Sims, einfach daraus, sich durch die Dialoge der Charaktere zu klicken. Manchmal muss der Protagonist Entscheidungen treffen, bei denen er zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten wählen kann. Zudem schreibt der Hauptcharakter jeden Tag selbst ein Gedicht. Das Gameplay besteht hierbei aber nur aus dem Anklicken von Wörtern, von denen die Spielenden glauben, sie könnten den Protagonistinnen gefallen. Ein Manko ist, dass das Spiel nur in englischer Sprache verfügbar ist. Dementsprechend sind gute Englischkenntnisse Grundvoraussetzung, um die Geschichte verstehen zu können.

All diese Warnhinweise ...
... sind berechtigt. Schon zu Beginn weist das Spiel ausdrücklich darauf hin, dass es für Leute, die mit Themen wie Depressionen, Selbstmord oder Ähnlichem nicht umgehen können, nicht geeignet ist. Zu Anfang muss bestätigt werden, dass man mindestens 13 Jahre alt ist. Die Spieler_innen erfahren im Verlauf nicht nur von den Depressionen einer Hauptfigur, sondern finden auch ihre erhängte Leiche und müssen zusehen, wie sich eine weitere Spielfigur selbst ersticht.
Die Altersgrenze von 13 Jahren ist bei den gebotenen Schockmomenten und expliziten Gewaltdarstellungen also äußerst fragwürdig. Wie man sich mit den Inhalten der Dialoge auseinandersetzt, ist zwar von der geistigen Reife abhängig, aber für einen angemessenen Umgang mit den Themen und einem besseren Verständnis der Ereignisse ist das Spiel eher für Jugendliche ab 16 Jahren geeignet.

Alles nur für den Schockeffekt?
Doki Doki Literature Club genießt sicherlich so viel Aufmerksamkeit, gerade weil es schockierend ist, dass so ein süßes Spiel sehr verstörende Elemente versteckt. Mittlerweile zählt der Titel sogar über zwei Millionen Downloads und auf Steam genießt er ebenfalls eine „äußerst positive" Bewertung. Hierbei sind es jedoch nicht nur die Schreckmomente, die zum Erfolg beitragen. Die Themen von Depression und Suizid werden nicht nur für den Schock ausgenutzt, sondern auch näher beleuchtet und ausdiskutiert. Die Spieler_innen sind dazu angehalten, sich in die Lage der emotional instabilen Charaktere hineinzuversetzen.
Hinzu kommt, dass das Spiel es schafft, die vierte Wand sehr beeindruckend zu durchbrechen – das heißt die Charaktere wissen, dass sie nur in einem Spiel sind und sprechen die Spieler_innen vor dem Bildschirm direkt an. Das Faszinierendste ist wohl, dass die Spielenden dazu angehalten sind, sich mit den Dateien im Spielordner selbst zu beschäftigen. Es gibt sowohl Hinweise zu den Charakteren, etwa verstörende Bilder, als auch versteckte Hinweise und Notizen, zu denen es bereits sowohl auf YouTube, als auch in weiteren Foren verschiedenste Theorien gibt. Es werden täglich unterschiedliche Videos mit neuen Theorien oder Reaktionen veröffentlicht. Eine der Schlüsselfiguren, Monika, hat gar einen offiziellen Twitteraccount, der nachträglich Hinweise oder Referenzen bietet. Höchstwahrscheinlich ist Doki Doki Literature Club nur der Auftakt zu einem weiterem, viel größerem Spiel des Publishers Team Salvato. Durch den direkten Eingriff in die Dateien bekommt das Spiel einen realen Kontext und regt zum Recherchieren, Diskutieren und Nachdenken an.

Fazit:
Doki Doki Literature Club ist mit sehr viel Vorsicht zu genießen. Erstens muss sehr viel englischer Text gelesen werden, um den Kontext der später verstörenden Elemente zu verstehen. Zweitens ist der Unterhaltungswert nur geboten, wenn die Spielenden sich ein wenig mit Visual Novels auskennen oder zumindest ein grobes Verständnis von derartigen Spielen im Allgemeinen haben. Und drittens ist der Umgang mit sensiblen Themen nicht für jeden einfach zu verdauen und wird hier absichtlich nicht beschönigt. Die expliziten Szenen, Jumpscares und die Themen, auch wenn sie im Animestil dargestellt sind, sollten nicht unbedingt ohne Aufsicht in Hände von Kinder oder Jugendliche unter 16 Jahren fallen. Dies gilt hier besonders in der Hinsicht, dass das Spiel kostenlos auf Steam verfügbar ist. 

 

Diese Kritik ist von Studierenden der Philosophischen Fakultät an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf verfasst. Die unter der Leitung von Koray Çoban durchgeführte und von Daniel Heinz und Dirk Poerschke unterstützte Übung 'Spieletester' präsentiert sich unter spieletester.phil.hhu.de.