Darstellung vom Geschlechterverhältnis in der FIFA-Reihe

Die FIFA-Spielereihe gehört zu den meistverkauften und am teuersten produzierten digitalen Spielen der Welt. Aus der JIM-Studie 2017 geht hervor, dass wesentlich mehr Jungs als Mädchen das Spiel zu ihren liebsten Games zählen. Dies war der Anlass, uns die dargestellten Geschlechterverhältnisse und die Integration des Frauenfußballs in FIFA 16, 17 und 18 einmal genau anzugucken.

von Karolina Albrich

Seit 1993 wird die FIFA-Reihe von der Spielefirma EA (Electronic Arts) unter dem Markennamen EA SPORTS vertrieben, versteht sich selbst als Fußballsimulation und möchte demnach eine möglichst realistische Darstellung des Fußballsports darstellen. Aus diesem Grund besteht eine langjährige Kooperation zwischen den Verantwortlichen der FIFA-Spielereihe und den Verantwortlichen der FIFA (Fédération Internationale de Football Association).

Seit FIFA 16, welches im Jahr 2015 auf den Markt kam, sind auch Fußballspielerinnen in das Spiel integriert. Einige wichtige Informationen lassen sich aus dem Interview zwischen Vice-President und General Manager der FIFA-Spielereihe - David Rutter und Ben Wilson, welcher für die britischen Zeitung The Guardian schreibt, ziehen.

Integration des Frauenfußballs
Die Integration der Frauen sei schon länger angedacht, aber aufgrund technischer Schwierigkeiten bisher nicht realisierbar gewesen. "It’s been in the pipeline for a few years, and really it was just a case of making sure that the game was in a good enough state for it the (sic!) work properly. We needed to have tools and technology in place that could differentiate between men and women”. Hier zeichnet sich bereits ab, dass es für die Verantwortlichen der FIFA-Spielereihe einen Unterschied zwischen Männerfußball und Frauenfußball geben müsse, der eine Differenzierung zwischen den beiden Geschlechtern innerhalb der Technologie des Spiels erfordere. Im Spiel selbst ist diese »Differenzierung« durch die Spielenden vor allem dadurch erfahrbar, dass sich weibliche Spielfiguren langsamer als männliche über das Spielfeld bewegen und auch die Pässe langsamer und ungenauer gespielt werden. Auch berichten Spielende davon, dass die Torhüterinnen schlechter seien und weniger Bälle hielten. Insgesamt sei ein deutlicher Unterschied der besten Frauenmannschaften im Vergleich zu den besten Männermannschaften auszumachen.

Bewertung weiblicher und männlicher Spieler_innen
In FIFA 18 werden die Spielfiguren zudem einer Bewertung unterzogen, die sich an die tatsächlichen Leistungen der real existierenden Spieler_innen orientiert. Hier zeichnet sich zunächst keine Differenz zwischen Männern und Frauen ab, da diese zum Teil die gleichen Bewertungen erhielten. Doch die scheinbare Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit ist nur ein Trugschluss, den Rutter im Interview bestätigt: “You will get 80-rated players in the women’s teams but they’re not the same as an 80-rated player in the men’s game.” Viele Spielerinnen und Spieler, die auch auf YouTube aktiv sind, untersuchen diese Unterschiede in Eigeninitiative und stellen diese in Videos online zur Verfügung. Natürlich ist hier stets eine gewisse Skepsis angebracht, doch die schiere Masse an »Videobeweisen« in Kombination mit dem Kommentar von Rutter, scheinen eindeutig zu sein. Ein Beispiel für ein solches Video ist das des Kanals WeirdFifa, welcher weibliche und männliche Spieler_innen gegeneinander antreten lässt, um deren Laufgeschwindigkeit zu testen. Dieses Video zeigt, dass weibliche Spielfiguren selbst bei gleichen Werten langsamer laufen als männliche Spielfiguren. Tritt eine weibliche Spielfigur mit hohen Werten gegen eine männliche Spielfigur mit durchschnittlichen Werten an, ist diese zudem nur geringfügig schneller.

Vermeidung der Gegenüberstellung
Ein weiterer Punkt, der die scheinbaren Unterschiede zwischen Männerfußball und Frauenfußball im Spiel ausdrückt, ist die Tatsache, dass Frauen- und Männermannschaften nicht gegeneinander im Spiel antreten können. Selbst Freundschaftsspiele sind nicht möglich. Zwar finden sich im Internet Videos, wo dies doch möglich erscheint, diese sind jedoch Modifikationen, welche von Außenstehenden programmiert wurden und nicht von den FIFA-Entwickler_innen. Begründung hierfür ist, dass Frauen auch im realen Fußballsport nicht gegen Männer antreten würden und solange sich dies nicht ändere, würde dies auch nicht Einklang in das digitale Spiel finden. “As in real life, the sport itself doesn’t support that. If that changed, we definitely would”.

Gleichberechtigung - eine Frage der Sichtbarkeit?
Auch die Sichtbarkeit von Frauen ist in FIFA 18 erheblich geringer als die der Männer. Wird die Anzahl der Frauenmannschaften mit denen der Männermannschaften verglichen, erhält man das Verhältnis 15 zu 699, also 46 Mal so viele Männermannschaften wie Frauenmannschaften. Eine komplette Übersicht aller Mannschaften gibt es auf der Homepage von EA. Auch werden im Spiel lediglich die besten Nationalteams der Frauen abgebildet, während bei den Männern auch Teams kleinerer Ligen ins Spiel integriert sind. Im Online-Modus von FIFA (dem Ultimate Team) wurden die Frauen komplett gestrichen, da die Anzahl der Frauenmannschaften für diesen Modus zu gering sei. Dementsprechend tauchen sie auch nicht auf den populären Ranglisten der EA Sports Homepage auf, welche die besten Spieler innerhalb des Ulitmate Teams in verschiedenen Kategorien listen. Auch können in den benutzer_innendefinierten Spielmodi wie dem Karrieremodus, dem »Be a Pro«-Modus, nur männliche Charaktere erstellt werden. Seit FIFA 17 wurde zudem ein Story-Modus integriert, der in FIFA 18 fortgeführt wird. Auch im Story-Modus sind Frauen unterrepräsentiert. Die Handlungen des Protagonisten sind von Kraftdemonstrationen geprägt. Insgesamt werden häufig Rivalitäten zwischen Spielern dargestellt und thematisiert. Im Zentrum der Geschichte steht zudem der Konflikt zum Vater des Protagonisten, der ihn und seine Mutter verlassen hat. 

Abschlussbilanz
Wieso spielen also Mädchen weniger gerne FIFA als Jungs? Seit FIFA 16 sind insofern Angleichungsprozesse der Repräsentation von Frauen vorgenommen worden, da der Frauenfußball in das Spiel integriert wurde. Dennoch ist die Differenz des Frauenfußballs zum Männerfußball im Spiel so gewaltig, dass jeder Spielende diese kaum übersehen kann. Dies hat sich auch in den Teilen FIFA 17 und 18 nicht geändert. Auch die Sichtbarkeit der Frauen ist im Spiel deutlich geringer. Durch die Tatsache, dass die Spielenden keine eigenen weiblichen Charaktere wie Trainerinnen, Spielerinnen und Managerinnen erstellen können, fehlen selbsterstellte weibliche Identifikationsfiguren in Gänze und es entsteht zudem der Eindruck, es gäbe keine Frauen in Toppositionen in der Fußballbranche. Faktisch sind diese auch in der realen Branche wenig vertreten. Da sich die FIFA-Reihe als Fußballsimulation versteht, muss auch der reale Fußball an dieser Stelle hinterfragt werden. Warum finden sich weniger Frauen in der Branche? Ist es popkulturell bedingt? Ist die ungleiche Verteilung von Ressourcen bei der Talentfindung der Grund? Oder gar physische Unterschiede? Diese Fragen lassen sich nicht so einfach beantworten und sind Teil zahlreicher weitverzweigter Diskurse. Wichtig für die Medienpädagogik bleibt jedoch, dass die Abwesenheit von Frauen in der Branche im digitalen Spiel wiedergespiegelt wird. Ob dies nun als Kritik im Hinblick auf das digitale Spiel gesehen werden muss oder auf die Fußballbranche als solche, sollte hinterfragt werden. Jedoch lässt sich die Tatsache, dass weibliche Spielerinnen die FIFA-Reihe oftmals meiden, durch die ungleiche Verteilung von weiblichen Identifikationsfiguren im digitalen Spiel potentiell erklären und verständlich machen.