Ben X - der Anti-Held

Ben X ist das Regiedebüt des belgischen Schriftstellers Nic Balthazar, der sein Buch "Nichts war alles, was er sagte" verfilmt hat: Ben ist anders als seine Mitschüler. Er lebt in seiner eigenen Welt, in der er im Onlinespiel "Archlord" Heldentaten besteht. Er spielt es, wann immer er Zeit hat und versucht dabei, für die Widrigkeiten des wahren Lebens zu trainieren. Markus Wollmann hat mit seiner Spieletestergruppe den Film gesehen und berichtet in diesem Artikel über seine Erfahrungen.

Von Markus Wollmann

Als ich vor kurzem über einen Kölner Flohmarkt schlenderte, präsentierte sich meinen Augen ein Bild, das mich eigentlich nicht sonderlich überraschen sollte: Ein ca. 8- oder 9-jähriger Junge (man mag mir eine mögliche Ungenauigkeit in der Schätzung verzeihen) hielt stolz seine neuste Errungenschaft in die Höhe. Es handelte sich dabei um das Videospiel „Call Of Duty 3“, das seinerzeit keine Jugendfreigabe erhielt, also ab 18 Jahren freigegeben ist. Gekauft hatte es in diesem Fall die sichtbar erwachsene Mutter, die sich aber aus dem Jugendverbot und den damit verbundenen Problematiken nichts zu machen schien. Es mag dem interessierten Leser die Sprache verschlagen, aber die, die in der Medienpädagogik ihr täglich Brot verdienen, werden davon weniger eingenommen sein und müde mit den Augen klimpern. Trotz der Alltäglichkeit dieses Falles befiel mich ein ungutes Gefühl. Kein Gefühl der Verantwortung, weil es dann doch jedem Elternteil selbst überlassen bleibt, wie er in dieser Sache seine Grenzen zieht und wie ernst er es mit der Erziehung nimmt. Es waren Assoziationsketten, die ein Bild von Überforderung, Reizüberflutung und Schonungslosigkeit zeichneten. Bilder von eigentlich zu jungen Kindern, die das Gespielte nicht wirklich verkraften können, keine Unterstützung und Hilfe und, sei er noch so schmal, einen falschen Weg einschlagen. Am Ende dieser Kette stand der Hauptschuldige, der, der des Öfteren den schwarzen Peter zugeschoben bekommt: Das Computerspiel selbst.

Das sind sicherlich Assoziationsketten der Überzeichnung. Doch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Computerspiele immer wieder aus unreflektierten Ecken als Teufelszeug abgetan werden, wenn es längst schon zu spät ist und, wie man so schön sagt, das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Das dahinter mehrere Verbindungen stecken, die wenig mit dem Spiel selbst zu tun haben, wird oftmals leichtfertig übergangen. Das gleiche Maß an Vorwürfen springt natürlich auch Online-Spielen entgegen, die nicht selten mit den Schlagwörtern Sucht und soziale Entfremdung verbunden werden. Die negative Strömung, die solchen Online-Spielen entgegen schwappt, ist sogar noch etwas stärker, betrachtet man den aktuellen Tenor in Funk, Fernsehen und Presse. Und auch hier begeht man nicht selten den Fehler, mit nicht allzu viel Nachdruck an der Oberfläche zu kratzen, sondern den Online-Spielen von vorne herein eine Art von Selbstläuferschaft zu attestieren, die ihre jungen Benutzer von Jetzt auf Gleich in die Abhängigkeit führt. Das Sucht und Abhängigkeit von Online-Computerspielen nur das Tüpfelchen auf dem i sind, dass hinter den Spielen mehr steckt als stumpfsinnige Ballerei und das sie auch Positives bewirken können, zeigt uns derweil einer der einfühlsamsten und detailliertesten Spielfilmproduktionen zum Thema der letzten Jahre - „Ben X“. Besuchen wollte ich diesen Film nicht alleine mit Block und Bleistift, sondern mit einer größeren Gruppe an jugendlichen Online-Spielern, die genau wissen, wie man in dieser speziellen Welt zu ticken hat. Doch bevor wir die gemeinsame Exkursion starten konnten, mussten wir feststellen, dass „Ben X“ leider kein breites Publikum zu treffen schien, lief er doch nur in einem kleineren Kölner Kino, dem wir nachträglich außerordentlich zu Dank verpflichtet sind.

„Ben X“ basiert teilweise auf einer wahren Begebenheit. Die Geschichte eines 17-jährigen Jungen mit autistischen Zügen aus Gent in Belgien, der durch Videoschnipsel (die jeder x-beliebige Mensch unter vergleichbaren Plattformen wie YouTube, myVideo , Clipfish oder eben ähnlichen Seiten hochladen kann) virtuell gemobbt und sich auf Grund von körperlichen wie seelischen Qualen selbst das Leben nahm, inspirierte den belgischen Regisseur Nic Balthazar zu dem in Belgien und in den Niederlanden gedrehten Drama, das mit zahlreichen Preisen europäischer Filmfestspiele geehrt wurde.

Der Inhalt des Films gestaltet sich aber ein wenig anders als die zugrunde liegende Begebenheit: Ben ist im besten Jugendalter und doch anders als seine Mitschüler, zu denen er keine wirklichen Verhältnisse pflegt. Im frühen Kindesalter wurde bei Ben das Asperger-Syndrom diagnostiziert, ein verhältnismäßig leichte Form des Autismus, die ihn am Leben eines normalen Jugendlichen teilhaben lässt. Und doch hebt er sich durch eine hochgradige Selbstkonzentration von den anderen ab. Auch seine sonstigen Verhältnisse sind schwierig. Die Eltern sind geschieden, zum Vater, der die Autismus-Erkrankung seines Sohnes nur schwer akzeptieren kann, hat Ben nur selten Kontakt, die Mutter ist zu jeder Zeit hochgradig besorgt um den 17-jährigen Jungen, der in der Schule, wo er mit guten Noten zu brillieren weiß, und in seiner unmittelbaren sozialen Umgebung schwer gemobbt wird – seelisch wie körperlich. Seine Unfähigkeit, sich gegen das Mobbing sowohl verbal als auch nonverbal zu wehren und Gefühl mitzuteilen, weil es für einen Menschen mit Autismus einen ungeheuren inneren Stress bedeutet, führt Ben zu unkontrollierten Wutausbrüchen, die er aber nie an seinen Mitmenschen auslässt. Doch bringt ihm das immer wieder Ärger mit Lehrern und anderen verständnislosen Obrigen ein, was ihn zusätzlich ins soziale Abseits stellt. Einzig und allein im Online-Rollenspiel „Archlord“, das tatsächlich existiert, kann sich Ben, der sich hier den Fantasienamen Ben X gibt, den Respekt einheimsen, den er eigentlich verdient hat. Sogar eine Freundin findet er in virtuellen Welten, die wegen des innigen Verhältnisses im Internet auf einen Besuch im wahren Leben drängt. Eine Freundin, die nicht nur in der Fantasiewelt von „Archlord“ an Bens Seite kämpft, sondern auch all seine Unzulänglichkeiten und Probleme durch Vertrauen und tiefgründig geschriebene Botschaften wett macht.

Doch während Bens gespannter Wartezeit auf den Besuch seiner Freundin schlägt das  Mobbing immer höhere Wellen. Es kommt so weit, dass Ben eines Mittags von seinen Mitschülern im Klassenraum schwer in die Ecke gedrängt wird, so dass er aus schierer Angst auf einen Tisch steigen muss. Die anderen Schüler halten Bens Panik, die sich von Sekunde zu Sekunde steigert, mit einer Handy-Kamera fest. Zum Höhepunkt der für den Zuschauer schwer auszuhaltenden Szene wird Ben die Hose samt Unterhose runtergezogen, von hämischen Lachen und Applaus begleitet. Unmittelbar nach der Schule finden sich diese Szenen von Demütigung und Angst auf einer Video-Plattform in Internet wieder. Ben wird zum Gespött einer ganzen Schule und flüchtet mehr und mehr in die Welt von „Archlord“. Auch seine Lehrer können und wollen ihm nicht helfen, stehen der Situation mit schwacher Anteilnahme oder Borniertheit wie großem Desinteresse gegenüber. Sein Selbstbewusstsein schwindet. Die Bilder auf der Kinoleinwand werden immer unheilvoller. Spielszenen und Realszenen, Stimmen und Spielmusik vermischen sich zu einem großen Ganzen. Realität und Fiktion sind nur noch schwer voneinander zu trennen, je mehr Ben ins Abseits gedrängt wird. Es drängt alles auf einen großen Knall hin, was durch eingespielte Interviews aus der Zukunft mit den Beteiligten nur noch bekräftigt wird. Selbst der Besuch seiner Online-Freundin gestaltet sich für Ben, gezeichnet von den jüngsten Vorkommnissen, als schweres Problem. Wird sie sein Anderssein akzeptieren können, von dem sie noch nichts weiß? Wird sie sich einreihen in die lange Liste von Menschen, die von oben auf ihn herab blicken? Ist das Leben überhaupt noch lebenswert?

Ohne allzu viel vorweg zu nehmen, denn das wäre nicht Sinn dieses Artikels: Ben ist stark, stärker als man es ihm ansieht. Seine Stärke gewinnt er in einer Zeit von schweren Turbulenzen durch den offensiven Beistand eines Menschen, den er nicht einmal von Auge zu Auge im Leben gesehen hat. Einem Menschen, den er nur aus einem Online-Rollenspiel kennt. Seine Hoffnung, sein Traum. Und letztlich auch seine Rettung, schenkt sie ihm doch die sozialen Codes, die er zum Überleben braucht. Getragen wird dieser virtuelle Beistand bis zum Schluss, der jedem Kinogänger aus unserer Gruppe den Atem verschlug und Hoffnung breit machte, dass solch ein Ende in Teilen auch für andere Menschen, die ein wenig anders sind, wirklich werden könnte.

So stand ich also da, am späten Nachmittag, nach dem Ende des Films „Ben X“ im Foyer des kleinen Kölner Kinos, umgeben von mehreren männlichen Jugendlichen, die sonst immer darauf bedacht sind, den starken Mann zu markieren, aber zu diesem Zeitpunkt sichtlich und verständlich um Fassung rangen. Wir setzten uns anschließend, nach einer längeren Verarbeitungs- und Verschnaufpause zusammen, um das Gesehene ein Stück weit zu analysieren. Weshalb kam es zu den emotionalen Entladungen, war meine erste Frage. Aus einem bunten Sammelsurium an Antworten stach vor allen Dingen heraus, dass „Ben X“ sehr nah am Geschehen ist. Manch einer der Jugendlichen kannte Szenen von Mobbing und Demütigung aus eigener Erfahrung, wieder andere wussten passiv davon zu berichten. Und wie schwer es sei, sich dagegen zu wehren, davon erzählte man mir. Wie schwer es sei, für sich selbst einzustehen und nicht in einem blinden Konformismus zu versinken. Da mache es auch keinen Unterschied, dass es in dem Film um einen Autisten geht. Überhaupt wurde nicht darauf verwiesen, dass es hier um einen Menschen mit einer Krankheit ging. Man nahm, wie ich selbst auch, den Autismus von Ben als Sinnbild für einen jeden Menschen, der anders ist und sich in der Gesellschaft nur schwer zu behaupten weiß und daher andere Gelegenheiten beim Schopfe packt, um doch glücklich zu sein („Archlord“).

Auch wenn sich die Diskussion mit den Jugendlichen als teilweise sperrig erwies, weil das Thema für diese Altersklasse ein nicht einfaches ist, wurden leise Stimmen laut, die voller Wut und Traurigkeit steckten. Wut auf ein Schulsystem, dass anscheinend immer noch den Stärkeren zum Gewinner macht und viel zu wenig auf die eingeht, die wirklich anders sind, anders lernen, anders denken, anders schreiben, anders leben. Auch wenn von Lehrer-Seite versucht wird zu helfen, dass schwere Leben ein Stück weit zu begradigen, gehe es meist nur darum, dass man den Gewinnern angeglichen wird und nicht darum, ihre speziellen Sichtweisen auf die Welt, die speziellen Herangehensweisen und vielleicht auch die speziellen Begabungen zu fördern und damit gesellschaftsfähig zu machen. Wer Hilfe gibt, macht den Hilfesuchenden noch mal verstärkt zum Außenseiter, wenn er ihn denn begradigen will.

Wut und Traurigkeit traf aber in dem Fall nicht nur die Schule, sondern auch Eltern und andere Sozialsysteme.

Gefreut hat es die Jugendlichen, dass Online-Spiele hier nicht ausschließlich verteufelt werden. Zwar wird auch ihr Gefahrengrad und Suchtpotenzial in „Ben X“ nicht verschleiert und ihr Sinn und Zweck nicht verherrlicht, doch stehen die positiven Aspekte im Vordergrund. Und zwar sind das laut den Jugendlichen der für jeden Menschen notwendige Eskapismus, den manch ein Mensch im Lesen von Büchern findet, ein anderer im Hören von Musik und wieder andere im Spielen von Computerspielen. Natürlich auch einfach der Spaß am Spielen, der jedem Interesse zugrunde liegt. Hinzugekommen ist mit den Online-Spielen eine gesellschaftliche Komponente, die gerne von Fachfremden und doch wortreichen Medienmenschen unterschlagen wird, weil sie die inneren Regelhaftigkeiten der Online-Rollenspielwelt meist nicht verstanden haben oder diese für zu primitiv halten. Und doch pulsiert es unter der Oberfläche: Kontakte werden geknüpft, Freundschaften geschlossen – bis hin zur Ehe ist alles drin. Inklusive auch der negativen Seiten von Streit und Tobsucht, die nicht vergessen werden, aber zu jedem Sozialsystem dazu gehören.

Einfacher ist es, sagen die jugendlichen Online-Spieler an diesem späten Nachmittag. Einfacher Menschen kennenzulernen und mit diesen einen innigen Kontakt aufrecht zu erhalten. Menschen, die vielleicht sogar auf der gleichen Wellenlänge surfen und mit denen man schon von Anfang an ein gemeinsames Interesse hat. Manch einer gibt zu, schon das ein oder andere Mal selbst darauf gekommen zu sein, zu viel Zeit am Computer und in seiner entsprechenden Online-Spielewelt zu verbringen. „Aber manchmal ist es mir dann echt lieber, meinen Spaß online zu haben und dort Menschen kennenzulernen, als immer nur der Außenseiter in der wirklichen Welt zu sein, der von anderen Typen übertroffen wird, die eigentlich nicht mehr drauf haben als ich selbst. Die sind vielleicht hübscher und können sich besser ausdrücken, aber was sonst? Ich werde immer nur komisch angeguckt. Ich wäre manchmal auch gerne wie Ben, also am Ende. Der ist zwar insgesamt auch kein Typ, der gut ankommt, aber zum Schluss doch ein Held. Irgendwie.“ (16 Jahre)


„Ben X“ kommt nicht mit einem erhobenen Zeigefinger daher, auch ist es keine pädagogisch-aufdringliche Anleitung zur Lebensführung. Er bleibt in seinem emotionalen Kern glaubhaft und nachvollziehbar und zeigt mit Nachdruck und Detailtreue, wie das Leben eines wirklichen Außenseiters aussieht und wie er mit Vertrauen und Feingefühl von anderer Seite seinen eigenen Weg geht, ohne sich mit einem krankhaften Konformismus unterzuordnen. „Ben X“ schärft die Sinne und den Verstand für diesen Status, den niemand wirklich gerne einnehmen will. Er ist Warnung und Mahnung zugleich: Einen jeden Menschen kann Ausgrenzung und Mobbing treffen, auch ohne Autismus. Es liegt an an einem jedem, diese Menschen zu schützen, zu fördern, an ihrem Leben teilzuhaben und sie eben nicht zu verbiegen.

Auch für Eltern, Pädagogen, Verwandte, Nahstehende, Freunde und Bekannte sollte gelten, Online-Spieler nicht gleich mit einem Topf voller Vorurteile und Sorgen zu überschütten, sondern gemeinsam mit den Jugendlichen bzw. Kindern Hintergründe und Verbindungen aufzudecken, Interesse an der fremden Spielwelt zu zeigen, Diskussionsbereitschaft anzubringen und, wenn möglich, mit Feingefühl auch Grenzen zu setzen. In der Hoffnung, dass Szenen wie auf dem Kölner Flohmarkt irgendwann der Vergangenheit angehören, Online-Spiele nicht immer ein rotes Tuch darstellen und Ausgegrenzte mit Bedacht integriert und entsprechend gefördert werden.

„Ben X“ erschien am 21. November 2008 auf DVD.

http://www.benx.kinowelt.de/