Plötzlich Game Over

Barrieren in digitalen Spielen erkennen (und vermeiden) Teil 2: Hören und Verstehen

Das Team von Gaming ohne Grenzen hat gemeinsam mit ihren Spieletest-Gruppen, den beiden Botschafter*innen Dennis und Melly und uns die häufigsten Barrieren in digitalen Spielen herausgearbeitet.

von Karolina Albrich

Das Geschwisterpaar zockt gerne - vor allem gemeinsam. Beide haben eine Höreinschränkung. Heute wollen sie Borderlands 2 nachholen. Borderlands 3 haben sie dank der guten Untertitel gemeistert. Doch als der Roboter Claptrap ihnen eine Spieleinführung gibt, stehen sie vor der Barriere: Die Untertitel sind viel zu lang und zu klein, sodass sie höchstens die Hälfte verstehen und das bereits ohne den Zeitdruck und die Action des Kampfgeschehens, was Hauptbestandteil vom Gameplay ist. Auch ist nicht ersichtlich, wer überhaupt spricht. Sie beschließen erstmal weiterzuspielen, doch nach den ersten Passagen legen sie die Controller gefrustet beiseite. Wie sollen sie gleichzeitig ein Gespräch mitverfolgen und kämpfen? Plötzlich geht nichts mehr - Game Over. Unser fiktives Geschwisterpaar kann diese Barriere nicht überwinden.

Eine Situation wie diese ist leider keine Seltenheit. Viele Spieler*innen sehen sich mit Barrieren in Games konfrontiert. Einige sind durch Technologien, Einstellungsmöglichkeiten oder andere Hilfsmittel überwindbar. Doch viele eben auch nicht. 

“Das Projekt Gaming ohne Grenzen testet Spiele mit Jugendlichen mit und ohne Behinderung. Gemeinsam werden Barrieren aufgespürt und nach Überwindungs-Strategien gesucht. Die Ergebnisse werden auf der Projektseite für Alle zugänglich gemacht. “- Das Team von Gaming Ohne Grenzen

Dieser Artikel möchte wiederkehrende Barrieren in Games sichtbar machen und Tipps zu ihrer Vermeidung geben. In Teil 1 wurden bereits die Ebenen Steuern und Sehen betrachtet. In Teil 2 schauen wir uns an, wie Barrieren in den Bereichen Hören und Verstehen vermieden werden können. Es werden verschiedene Spieletitel als Beispiele herangezogen. Das bedeutet nicht, dass diese besonders positiv oder negativ hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit zu bewerten sind. Wo Barrieren an einer Stelle gut umgangen wurden, tummeln sich an anderer unüberwindbare Hürden. Es ist ein komplizierter Prozess - aber ein lohnenswerter! 

Vier Tester*innen mit und ohne Behinderung spielen gemeinsam an der Konsole. Ein Erwachsener leitet sie an. (Ⓒ Inga Kramer, www.ingakramer.de)

 

Hören

Anders als in Filmen oder Serien gibt es für Untertitel in Spielen keine Richtlinien - und das macht sich leider häufig bemerkbar. Oft wird hier das Argument genannt, sie würden zu sehr vom Spielgeschehen ablenken oder stören. Doch zu kleine Untertitel auf buntem Grund schaffen nicht nur Barrieren für Menschen mit visueller Einschränkung, sondern erzeugen auch bei Menschen mit Höreinschränkung (die Untertitel dringend brauchen) ein mit großer Anstrengung verbundenes Spielerlebnis.

Leitsatz sollte sein: Eine klare Schriftart, die groß und gut sichtbar auf einem kontrastreichen Grund platziert ist. Wichtig ist zusätzlich, dass der Text nicht zu lang ist oder zu schnell wieder verschwindet und dass deutlich wird, wer oder was gerade spricht.

Ein Positivbeispiel ist hier Animal Crossing - New Horizons. Wenn die Größe der Untertitel und der Hintergrund für diese zusätzlich noch selber einstellbar sind, wie z.B. in Far Cry New Dawn, freut sich unsere fiktiven Geschwister ganz besonders.

Dieser Screenshot von Animal Crossing - New Horizons zeigt ein gutes Beispiel für Untertitel.

 

Viele Entwickler*innen verwenden außerdem Feedback-Geräusche, um z.B. durchgeführte Aktionen zu bestätigen aber auch Gefahren anzukündigen. Grundsätzlich eine gute Sache für hörende Spieler*innen! Nur darf nicht vergessen werden, dieses Feature auch für Menschen mit Höreinschränkung in irgendeiner Form zu übersetzen. Wenn die beiden Minecraft spielen, dann nur am PC und nicht auf einer Konsole. Denn dort können Untertitel mit Richtungspfeilen (häufig Geräusch-Untertitel genannt) aktiviert werden. Im Überlebensmodus kündigen sich gefährliche Kreaturen durch bestimmte Geräusche an. Mit der Untertitelfunktion werden diese auch für das Geschwisterpaar sichtbar. Sie wissen dann, aus welcher Richtung das Zischen einer drohenden Creeper-Explosion kommt, vor der sie weglaufen sollten.

Dieser Minecraft-Screenshot zeigt wie Geräusch-Untertitel angewendet werden können, um Menschen mit Höreinschränkung Gameplay-relevante Informationen zu vermitteln.

 

Allgemein stellen fehlende visuelle Hinweise eine große Barriere dar, z.B. wenn das Klingeln eines Telefons in der Spielwelt nur durch das Geräusch, jedoch nicht zusätzlich visuell angezeigt wird. Alle Hinweise im Spiel, auf welche die beiden reagieren sollen, müssen auch in irgendeiner Form sichtbar werden.

Hilfreiche Einstellungsmöglichkeiten für Menschen mit Höreinschränkung sind neben Untertiteln vor allem ein regulierbarer Sound. Vielleicht stört das laute Prasseln des Regens beim Verstehen von Dialogen? Unser Geschwisterpaar regelt gerne alles runter, was nicht zwingend notwendig ist. So werden sie weniger abgelenkt und es stört sie nicht, wenn dadurch die Atmosphäre anders auf sie wirkt. Verschiedene Regler helfen dabei, den Sound des Spiels gezielt auf die eigene Bedürfnisse anzupassen. Sicher kennen viele Leser*innen das Problem eines zu lauten In-Game-Soundtracks. Besonders schön gelöst ist es z.B. bei Ghost of Tsushima - hier kann für Dialog, Hintergrundmusik, Soundeffekte und Filmsequenzen die Lautstärke separat eingestellt werden.

Dieser Screenshot aus Ghost of Tsushima zeigt verschiedene Einstellungs-Regler, um den Spielsound gezielt anzupassen.
 

Verstehen

Games sind unterschiedlich schwer - und das ist auch in Ordnung so. Trotzdem grenzen manche Gameplay-Elemente Menschen mit Einschränkungen unabsichtlich aus. Auch hier gibt es Möglichkeiten, Barrieren entgegenzuwirken. Schwierig wird es häufig bereits, wenn Schriftsprache benötigt wird. Besuchen wir hier nochmal eine fiktive Spielerin. Im Moment spielt sie vermehrt mit ihren Freund*innen online, z.B. Rocket League und Among Us. Ein regulärer In-Game-Chat stellt für sie eine Barriere dar, da sie zwar ganz gut lesen, aber weniger gut schreiben und vor allem nicht gut tippen kann. Bei diesen beiden Spielen hilft ihr also der Quick-Chat ungemein! Mit seiner Hilfe kann sie ganz leicht Textbausteine zu ganzen Sätzen zusammenfügen. 

Der Quick-Chat aus Among Us ist in diesem Screenshot abgebildet. Diese Funktion hilft bei der schnellen Bildung von Sätzen und fördert so Barrierefreiheit in vielerlei Hinsicht.

 

Während viele Spieler*innen Tutorials gerne überspringen oder nur sehr ungern durchspielen, sind sie für unsere fiktive Spielerin ungemein wichtig. Hier lernt sie ohne Zeitdruck die Regeln kennen, kann ihre Fähigkeiten verbessern und so das Spiel meistern. Die Möglichkeit zum freien Spiel ist ebenso hilfreich, um Einstiegshürden zu minimieren, indem sie sich in einem “Safe-Space” ausprobieren kann. Ein Interaktives Tutorial ist hier besser geeignet als Erklärungen durch Text.

Auch Rätsel können Barrieren erzeugen. Unsere fiktive Spielerin mag Wimmelbild-Spiele sehr gerne. Das Gameplay ist immer recht ähnlich, also findet sie sich schnell zurecht. Es hilft ihr besonders, dass sie Rätsel, die sie nicht versteht oder die zu schwierig sind überspringen kann. Doch leider ist das nicht immer so. Dann muss sie andere um Hilfe bitten oder nach der Lösung recherchieren. Im schlimmsten Fall ist das Spiel an dieser Stelle für sie zu Ende. Soll das Rätsel nicht überspringbar sein, helfen genügend Tipps und Hilfen bei der Lösung!

Auch verschiedene Schwierigkeitsgrade können helfen. In Shadow of the Tomb Raider kann dies sogar separat für das Kämpfen, Klettern und Rätseln eingestellt werden. Auch Zusammenfassungen der letzten Spiel-Ereignisse sind hilfreich, wie zum Beispiel beim Horror-Spiel Until Dawn ebenso wie die Möglichkeit Dialoge zu wiederholen, wie in The Last of Us II. All dies fördert das kognitive Verständnis sodass niemand ausgeschlossen wird. 

Im Spiel Grimmige Legenden - Der Fluch der Braut wie auch in vielen weiteren Wimmelbild-Spielen lassen sich Minispiele überspringen, wie dieser Screenshot zeigt.

 

Fazit

Viele Entwickler*innen bemühen sich bereits um Barrierefreiheit. Natürlich ist es auch eine Kostenfrage, bestimmte Hilfsmittel wie Textvertonung oder Tutorials zu integrieren. Doch jeder kleine Schritt kann schon viel bewirken! Am besten hilft immer der Kontakt zu einer möglichst diversen Zielgruppe an Spieltester*innen. Hoffentlich lassen sich in diesem Artikel viele Tipps zur schrittweisen Steigerung von Barrierefreiheit in Games finden, sodass Teilhabe für alle möglich wird. Und wenn das allein nicht schon Grund genug ist: Durchdachtes Game-Design ermöglicht nicht nur Menschen mit Behinderung das Spielen, sondern steigert letzten Endes das Spielvergnügen aller Gamer*innen. 

Weiterführende Informationen zum Thema: 

gaming-ohne-grenzen.de

meilert.net/themen/gaming 

wheelyworld.de

Fünf Tester*innen mit und ohne Behinderung spielen gemeinsam an der Konsole und haben Spaß. (Ⓒ Inga Kramer, www.ingakramer.de)

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