Von der multimedialen Jugendbücherei zur daddelBIB

Ein Projektbericht

Aus der Idee Konsolen- und Computerspielen auch in einer Bücherei einen Platz zu geben und darüber hinaus, die jungen und älteren Besucher medienpädagogisch zu begleiten, entstand das Projekt "daddelBIB" in der Stadtbücherei Neukirchen-Vluyn. 
Welche Vorbereitungsmaßnahmen, Möglichkeiten, Erfolge aber auch Schwierigkeiten das Projekt mit sich brachte, erfahren Sie in diesem ausführlichen Projektbericht.

Von Kadir Yilanci

 

Am Anfang war die Idee
Moderne Büchereien sind schon lange keine reine Buchausleihstellen mehr, sondern zeichnen sich durch ein modernes Angebot der vielfältigsten Medien wie DVDs, Brettspiele, Hörbücher und neuerdings auch Videospiele aus. Jedoch bringt es wenig diese Medien in der Bücherei anzubieten, aber niemanden zu haben, der Fachkompetenz zur Beratung besitzt. Dass das Thema „Medienkompetenz und Bildschirmspiele“ in aller Munde war und angeregt durch die ursprüngliche Projektidee der Stadtbücherei Bremen, beschloss die damalige Leiterin der Stadtbücherei Neukirchen-Vluyn, die Jugendbücherei um den Bereich Computerspiele zu erweitern. Jedoch sollten nicht nur Spiele verliehen werden, es sollten für Kinder und Jugendliche die Möglichkeit geboten werden, in der Bücherei diese auszuprobieren. Und vor allem sollte das Projekt durch einen videospielerfahrenen Medienpädagogen betreut werden, der neben dem Bestandsaufbau, der Beratung von Eltern und Pädagogen und der Durchführung von medienpädagogische Projekte für Kinder und Eltern sich gleichermaßen zuständig fühlt.

Die Vorbereitungen
Zwischen Projektidee und der
Umsetzung vergingen fast zwei Jahre. Zwischenzeitlich mussten Anträge gestellt, Projektgelder genehmigt und Sponsoren gesucht werden. Die Vorbereitungen trafen mit dem geplanten Umbau der Stadtbücherei und der Jugendabteilung zusammen. Nachdem die Gelder für Ausstattung und für den Medienpädagogen bereit standen, wurde die Idee in die Tat umgesetzt. Ein Rondell mit sechs vernetzten modernen Spielerechnern wurde installiert. Zudem wurde ein Rechner für den Medienpädagogen bereitgestellt. Ich selber begann meine Arbeit erst am 15. Juni 2008, so dass ich in die Vorbereitungen wenig Einfluss nehmen konnte. Zur Eröffnung in einer Woche besorgte ich einige Spiele und erstellte dazu Kurzbeschreibungen und Spielanleitungen. Mit PES 2008, Warcraft III, Race Driver Grid, Edna bricht aus sowie einigen kostenlosen Titeln wie Trackmania Nations ging es los.

Mittsommernacht 21. Juni 2008
Das Projekt startete während des Stadtfestes am 21. Juni 2008. Von zuhause brachte ich noch meine Wii mit und schloss sie am Beamer an, was sich als eine gute Idee erwies. Die Wii mit Wii-Sports war inzwischen in aller Munde und wurde so zu einem Anziehungspunkt und regelrecht belagert. Aber auch die Spielerechner wurden von den Kindern sofort übernommen. Nach einer Kontrolle des Alters konnten die Kinder und Jugendlichen für sie freigegebene Inhalte spielen. Über die weiteren Regelungen des Jugendschutzes später mehr.
Neben den Kindern strömten auch viele Erwachsene in die Bücherei, um sich das neue Projekt anzuschauen. Hier kam es zu ersten Gesprächen mit Eltern und ich versuchte einige Kritikpunkte im Vorfeld auszuräumen. Sehr schön war es, einigen Eltern eine Live-Demonstration des gemeinsamen Spielens über das Netzwerk zu präsentieren. Zusammen mit einem Jugendlichen, der später mein Praktikant wurde, spielten wir eine Runde Warcraft III und führten die Zuschauer in das Genre Echtzeit-Strategie ein. Hier merkte ich sofort, dass der Informationsbedarf der Erwachsenen recht groß war, weil für viele Warcraft III und World of Warcraft ein und das selbe Spiel bedeutete. Gegen 23 Uhr endete der anstrengende, aber auch sehr interessante erste Tag des neuen Projektes.

Das Projekt beginnt
Am darauf folgenden Dienstag startete das Projekt offiziell. In dieser Woche begannen auch die Schulferien in NRW, so dass schon um 10 Uhr Morgens die ersten Kinder kamen und spielen wollten. Anhand des Bücherei-Ausweises kontrollierte ich das Alter der Kinder und auch natürlich, was sie spielten. Da ich fast die gesamte Zeit anwesend war, war es auch unmöglich für die Kinder sich darüber hinwegzusetzen. Kurze Zeit später führte ich einen Wochenplan ein, der nach Altersfreigaben geregelt war.

Einige Eltern befürchteten schon von Anfang an übermässiges Spielen, wozu es aber nicht kam. Das Problem löste sich praktisch von selbst, da der Ansturm auf die Rechner sehr groß war. Im Schnitt kamen ungefähr 15 Kinder in die Bücherei. Bei nur sechs Rechnern waren die Kinder und Jugendlichen angehalten, sich abzuwechseln. Falls es mal nicht klappte, sorgte ich dafür, dass niemand zu kurz kam. Trotzdem achtete ich besonders bei jüngeren Kindern, dass sie nicht zu lange spielten.

Zwischenzeitlich einigten wir uns während einer Teamsitzung, den Arbeitstitel des Projektes „eine multimediale Jugendbücherei“ in „daddelBIB“ umzubenennen. Meine Überraschung war groß, dass die Domain www.daddelbib.de noch nicht vergeben war.

Medienpädagogische Projekte
Schon von Anfang an war das Projekt nicht als reines Spielangebot zu verstehen, sondern sollte dazu dienen mit entsprechenden Projekten Medienkompetenz zu vermitteln. Zunächst baute ich eine Spieletestergruppe für Jugendliche ab 12 Jahren auf, deren Testergebnisse auf den Seiten des Spieleratgeber-NRW veröffentlicht wurden. Daneben wurde eine Warcraft III Gruppe gegründet, mit dem Ziel ähnlich wie beim e-Sport zu trainieren und später auch gegen andere Jugendgruppen anzutreten. Ausserdem sollten die Teilnehmer das Projekt mit Referaten über das Genre Echtzeitstrategie-Spiele und das Spiel Warcraft III begleiten.

Außerdem bot ich an zwei Terminen der Woche eine Mädchengruppe an, in denen Mädchen ungestört spielen konnten. Mir persönlich wäre es lieber gewesen auf die Mädchengruppe zu verzichten, um so die beiden Geschlechter nicht trennen zu müssen. Als einige (wenige) Mal die typischen Sprüche von den Jungen kamen, habe ich mich doch dazu entschieden. Ausschlaggebender war aber die Beobachtung, dass die Mädchen sich viel selbstbewusster mit der Technik und den Spiele befassten. Trotz einer eigenen Gruppe, hatten die Mädchen aber auch die freie Wahl, die regulären Termine zu nutzen, so dass sie effektiv die meiste Spielzeit bekamen. Der Freitag Nachmittag war übrigens Netzwerktag, um gemeinsames Spielen zu fördern. Dabei kamen für die Jüngeren insbesondere Rennspiele zum Einsatz und die Jugendlichen ab 12 Jahren spielten meistens Echtzeit-Strategiespiele.
Überhaupt wurde selten alleine gespielt, selbst bei Einzelspieler-Titeln. Die Kinder kommunizierten untereinander, zeigten Erfolge und Fortschritte, halfen sich gegenseitig bei Problemen usw. Sehr oft teilten sich sogar zwei Kinder einen Rechner. Auch wurde mal spontan ein Fussball-Turnier organisiert.

Bei der Auswahl der Titel habe ich mich nach Möglichkeit auf Mehrspieler-Spiele konzentriert. Besonders die Lego Batman und Indiana Jones Reihe war bei den Kindern sehr beliebt. Als später die daddelBIB noch eine Playstation 3 bekam, war es sogar möglich, mit bis zu 4 Spielern gemeinsam an einem Gerät zu spielen. Dabei wurde das Spiel „Little Big Planet“ von den Kindern so gerne gespielt, dass wir für die Bücherei-Zweigstelle in Vluyn planten, eine Spielstation mit Little Big Planet und 4 Controllern aufzubauen. Im Übrigen wurden nur Spiele bis zur Altersfreigabe USK12 angeboten.

Als weiteres Projekt wurde mit der Fachhochschule Köln und dem Spieleratgeber-NRW das Medienprojekt „Dr. Ghosthacker - Nachts in der Bücherei“ durchgeführt. In einem Katz und Maus Spiel mit einem fiktiven Cyberschurken, mussten die Teilnehmer Aufgaben erfüllen, bei denen alle Medien in der Bücherei mit eingebunden wurden. Dieses Projekt war zwischenzeitlich Gegenstand eines eigenen Artikels, den Sie hier finden können.

Wie geplant wurden auch für die Eltern Projekte organisiert. Zunächst bot ich eine Beratungsmöglichkeit bei Fragen rund um das Thema Computerspiele an, was leider zu selten wahr genommen wurde. Für die zweite Herbstferienwoche konzipierten wir eine Eltern-Kind-Woche, bei der die Kinder angehalten waren, ihre Eltern mitzubringen, das Projekt vorzustellen und gemeinsam zu spielen. Leider kamen insgesamt nur 13 Erwachsene während der gesamten Woche. Für das nächste Mal überlegten wir uns, dass nur die Kinder mitspielen dürfen, die auch ihre Eltern mitbringen.

Im Herbst gab es noch einen Eltern-Abend, an dem Torben Kohring vom Spieleratgeber-NRW über den Reiz von Computerspielen referierte und den Besuchern Gelegenheit gab selber zu spielen. Als Einstieg spielten wir gemeinsam ein Puzzle-Spiel. Danach wurde ein Rennspiel im Netzwerk gespielt. Und abschließend spielten wir einen 3D-Shooter, um so den Besuchern einen Einblick in den aktuellen Gewaltdiskurs zu geben. Leider kamen nur vier Damen, die aber sehr begeistert von dem Abend waren.

Obwohl alle Elternprojekte durch Pressemitteilungen, Plakate und Flyer, auch in Schulen angekündigt waren, wurden sie leider recht spärlich besucht, was ich persönlich sehr schade fand. Zumindest von Pädagogen hatte ich mir mehr Resonanz erhofft. Wahrscheinlich muss aber so eine Sache wachsen, um in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu gelangen.

Die Schwierigkeiten
Es gab auch einige (wenige) Schwierigkeiten, die ich an dieser Stelle nicht verschweigen möchte. Man kann sich gut vorstellen, dass der Plan die reizvollen Videospiele in die Nähe von Büchern zu gesellen, von einigen Menschen kritisch gesehen wurde. Die damalige Leiterin der Bücherei musste sehr viel Überzeugungsarbeit bei Sponsoren und Verantwortlichen leisten, um sie von dem Projekt zu überzeugen.

Aber auch nach Projektstart haben wir damit gerechnet, dass sich früher oder später besorgte Eltern beschweren. Zu unserer Überraschung beschwerten sich nur zwei Damen. Die erste Dame konnte ich noch von der Notwendigkeit eines medienpädagogischen Angebotes überzeugen und als sie sah, dass die Kinder gemeinsam spielten, was ihrem Bild des einsamen Kindes vor dem Bildschirm überhaupt nicht entsprach, war sie zufrieden. Eine weitere überaus besorgte Mutter fand das neue Projekt überhaupt nicht gut und beschwerte sich zunächst bei mir, dann mit einem Lesebrief bei der lokalen Zeitung und nannte das Projekt „ein multimediales Ärgernis“ in Anlehnung an den ursprünglichen Projektnamen. Ihre Hauptsorge war, dass ihr jüngster Sohn durch das Angebot in der Bücherei auf das Medium Bildschirmspiele (zu früh) aufmerksam gemacht wurde. Sie brachte vor, dass Videospiele und Bücher nichts nebeneinander verloren hätten, sondern in eine Spielhalle gehörten (Anmerkung des Autors: womöglich haben Videospiele in Deutschland deshalb einen schlechten Ruf, weil sie von Anfang an in nur für Erwachsene zugängliche Bereiche wie Spielhallen angeboten und somit in die Nähe von Geldspielautomaten gebracht wurden, die ein sehr hohes Suchtpotential besitzen). Neben dem Spielhallenargument brachte sie die angebliche Ruhestörung in der Bücherei vor. Hierzu muss man wissen, dass die Rechner alle Kopfhörer hatten. Nur wenn zwei Spieler gleichzeitig an einem Rechner spielten, konnten die Lautsprecher aktiviert werden. Selbstverständlich kann es aber im Eifer des Spiels lauter werden, aber alles in allem war die Spielecke nicht ruhestörend, was man auch daran sehen konnte, dass sich die anderen Kunden nicht gestört fühlten. Als letztes beschwerte sie sich über das Spiel Warcraft III (USK 12), dass ihrer Meinung nach ein Kriegsspiel sei. Wir haben selbstverständlich auf den Leserbrief entsprechend reagiert. Um ihre Kritikpunkte bezüglich Bildschirmspiele allgemein auszuräumen, boten wir ihr eine persönliche Einführung der Maßnahme an, was sie aber leider nicht wahr nahm.

Daneben gab es aber auch einige konzeptionelle Probleme, die aber nicht so leicht hätten bedacht werden können. Von Anfang an wurde auf PCs als Spielehardware gesetzt, was im Prinzip nicht falsch ist, besonders im Hinblick auf offline-vernetztes Spielen. Jedoch setzt sich langsam aber sicher der Trend nach Spielkonsolen durch, so dass viele Spiele, besonders familientaugliche Spiele immer seltener auf dem PC veröffentlicht werden. Neben dem höheren Spielpreis, setzen die Hersteller vermehrt auf Konsolenspiele, weil diese nur einen kleinen Raubkopiermarkt haben. Daher ergänzten wir unser Angebot neben PC-Spielen, um die PlayStation 3 und die Wii Konsole mit entsprechenden Spielen.

Das Thema Kopierschutz brachte des öfteren Probleme mit einigen PC-Titel mit, die wir aufgrund strenger Kopierschutzmassnahmen nicht in unseren Bestand aufnehmen konnten. Immer öfter setzen die Hersteller eine Online-Aktivierung der Spiele voraus. Da unsere Rechnergruppe keine Verbindung nach außen hatte, war dies also technisch nicht möglich. Selbst eine mögliche Online-Aktivierung wurde erschwert, weil die Anzahl der Aktivierungen auf wenige male beschränkt ist, was für ein Verleihsystem der (bewusst in kauf genommene) sichere Tod bedeutet.

Äußerst unbefriedigend war außerdem die Resonanz der Spielehersteller auf unsere bis dahin durchgeführten Anfragen, das Projekt finanziell zu unterstützen und es weiterhin auch anbieten zu können. Geldmittel wurden kategorisch abgelehnt, selbst bei Spielspenden taten sich fast alle schwer. In Anbetracht der Tatsache, dass Spielspenden nun wirklich geringe Kosten für die Hersteller darstellen und wir mit dem Medien-Projekt daddelBIB für die Branche zudem eine kostenlose und wirksame Öffentlichkeitsarbeit betrieben, eine leider sehr ernüchternde und enttäuschende Erfahrung.

Fazit
Das Projekt wurde von Besuchern der Bücherei, der Öffentlichkeit und selbstverständlich von den Kindern und Jugendlichen aus Neukirchen-Vluyn und Umgebung sehr positiv angenommen und empfiehlt sich zur Nachahmung. Wir haben mit der daddelBIB ein modernes Medienangebot geschaffen, dass dem Nutzungsverhalten heutiger Kinder entspricht. Wir haben es sogar geschafft bibliotheksfremde Kinder in die Bücherei zu locken und sie so auf das vielfältige Angebot an Büchern, Hörspielen etc. aufmerksam zu machen, das von den Kindern auch genutzt wurde. Vergessen sollte hier auf keinen Fall der Umstand, dass sich nicht jede Familie eine Konsole und Spiele leisten kann. So gab die daddelBIB auch denjenigen Gelegenheit Spiele zu spielen oder sie auszuleihen, die über wenig finanzielle Mittel verfügen.

 

Weiterführende Links:

www.daddelbib.de 

Flyer