E-Sport pädagogisch betrachtet


Dieser Artikel betrachtet den E-Sport aus pädagogischer Sicht. Wie sieht es mit problematischen Inhalten aus, welcher Zeitaufwand ist nötig, um E-Sport zu betreiben? Desweiteren bietet er konkrete Tipps für Eltern, um mit dem Hobby der Kinder umgehen zu können.
von Torben Kohring


Gewaltätiger "Sport"?
Besonders die erfolgreichen Teamspiele im E-Sport wie Counter-Strike oder die Battlefield-Serie müssen seit Jahren mit dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung leben. Ego-Shooter scheinen sich jedoch besonders gut für Mehrspielerpartien zu eignen. Ob dies an der Darstellung, den Themen dieser Spiele oder den sehr personifizierten Handlungsmöglichkeiten liegt, muss wissenschaftlich noch weiter untersucht werden. Grundsätzlich sind Spiele, die reale Themen abbilden für die Spieler scheinbar interessanter als erdachte Szenarien. Dies ist ein Erklärungsansatz für den Beliebtheitsgrad von Counter-Strike gegenüber anderen Titeln des Genres, da es das alte "Räuber und Gendarm"-Spiel in einen aktuellen Kontext übersetzt.
Aus diesen Gründen kämpft der E-Sport jedoch immer noch mit einem schlechten Image. Professionell geführte Ligen wie die ESL (Electronic Sports League) bemühen sich jedoch, die deutschen Jugendschutzbestimmungen strikt durchzusetzen und Kontrollverfahren einzuführen, die Alterskontrollen auch im Internet ermöglichen. Trotzdem ist es jugendlichen Spielern im Internet problemlos möglich, mit gefälschten Daten Zugang zu diesen Ligen zu erhalten und wird aufgrund der Struktur des Internets wohl auch nie vollkommen auszuschließen sein.
Gerade im Veranstaltungsbereich sind die Kontrollen gegenüber früheren Jahren jedoch mittlerweile sehr streng und auch kleinere Lan-Partys bemühen sich zusehends um eine strikte Umsetzung des Jugendschutzgesetzes. So sollten in diesen Veranstaltungen sowohl die Sitzbereiche und die Datennetzwerke von Erwachsenen und Jugendlichen getrennt sein. Dies stellt eine Möglichkeit dar, Jugendlichen auf solchen Veranstaltungen den Zugang zu jugendgefährdendem Material zu erschweren. Trotzdem ist es wichtig, dass Eltern sich damit beschäftigen, auf welcher Lan-Party ihre Kinder das Wochenende verbringen wollen und wie die Veranstalter den Jugendschutz handhaben und umsetzen.
Durch die unterschiedlichen internationalen Jugendschutzgesetze kommt es auch immer wieder zu Problemen im organisatorischen Bereich des professionellen E-Sports. So kann es bei internationalen Turnieren vorkommen, dass minderjährige Spieler in Deutschland aufgrund der strikteren Regelungen nicht antreten dürfen. Ausnahmeregelungen für ausländische Spieler sind im Jugendschutzgesetz jedoch nicht vorgesehen.

Organisationsstruktur des E-Sport
Eines der größten Probleme und gleichzeitig größten Stärken des E-Sports ist seine Organisationsstruktur. Kinder und Jugendliche, die in herkömmliche Vereine eintreten, haben es dort mit Erwachsenen zu tun, die die Organisation für sie übernehmen. In erster Linie geht es für die Jugendlichen in traditionellen Sportvereinen darum, ihre Sportart auszuüben. Tätigkeiten wie z.B. die Platzpflege im Tennis sind eher die Seltenheit. Mit finanziellen oder organisatorischen Aufgaben kommen Jugendliche hier eher selten in Kontakt.
Im E-Sport sieht dies anders aus: Hier übernehmen oft die Jugendlichen selber die komplette Organisation und Finanzierung ihrer Tätigkeiten im Internet. So müssen z.B. Spielpaarungen und Trainingszeiten vereinbart, Sponsoren gefunden und eine Homepage erstellt werden. Alles Dinge, die eine Menge Zeit kosten. Gefordert werden hier von den Jugendlichen viele Kompetenzen, die auch in modernen Berufen benötigt werden. Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass ihre Kinder neben dem eigentlichen Computerspielen viele logistische und kommunikative Dinge leisten, für die Projektmanager in der freien Wirtschaft viel Geld erhalten.
Geht hierbei jedoch der richtige Rahmen verloren, kann aus diesen an sich pädagogisch sinnvollen Tätigkeiten jedoch auch schnell ein Zeitfass ohne Boden werden. Sowohl spielerischen als auch im organisatorischen Bereich gelangen viele Jugendliche oftmals an ihre Zeit- und Belastungsgrenzen und haben dann innerhalb der Spielergemeinschaft oft keine Erwachsenen an ihrer Seite, die ihnen mit Rat und Tat hilfreich zur Seite stehen können, wie es in einem traditionellen Verein der Fall wäre.

Früh übt sich, wer ein Meister werden will
Wie in jeder Tätigkeit führt auch im E-Sport der Weg zur Meisterschaft nur über das Üben. Ein vorprogrammierter Konflikt in vielen Familien. Eltern sollten sich erklären lassen, welche Zeiten dem Training in der Mannschaft und offiziellen Spielen dienen. Eine Unterscheidung hier dient beiden Seiten: die Jugendlichen fühlen sich in ihrem Hobby ernst genommen, die Erwachsenen können auch argumentativ besser Einfluss auf die Spielzeiten ihrer Kinder nehmen.
Auch im E-Sport kann jedoch ohne ein gewisses Talent noch so viel Zeit aufgewandt werden, eine gewisse Leistungsgrenze kann dann nicht mehr überschritten werden. "Ich möchte schließlich Profi werden", haben viele Eltern im Bezug auf Computerspiele sicher schon einmal gehört. Sie stecken hier in einer Zwickmühle. Da oft das Leistungsvermögen der Kinder in diesem Bereich nicht wirklich überblickt können, gilt es dem Kind zu vertrauen oder aber korrigierend einzuschreiten. Wie in jedem anderen Bereich darf auch ein Engagement im E-Sport nicht zu Lasten aller anderen Aktivitäten gehen, hier gilt es, klare Vereinbarungen mit den Jugendlichen zu treffen. Eltern sollten sich von ihren Kindern erklären lassen, welche Aufgaben sie für ihre Spielgemeinschaft wahrnehmen, zu welchen Zeiten ihr Clan trainiert und worin ihre Ziele liegen. E-Sport Karrieren wie z.B. die der Schellhase-Brüder, die im Spiel Fifa Weltmeister wurden, wären ohne ein gewisses Grundverständnis und die Unterstützung der Eltern sicher nicht möglich gewesen. Anstatt das Computerspielen zum Konflikt zu machen, geht es darum, sich für das Hobby der Kinder offen zu zeigen und darüber einen Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen. Warum sollten Jugendliche für die angebotenen Alternativen offen sein, wenn diese immer als "das Bessere" dargestellt werden und ihr faszinierendes Hobby als "das Schlechte".

Darüber hinaus bieten auch Internetspiele in der Mannschaft die Förderung von sozialen Kompetenzen. Nur mit guten Einzelspielern lässt sich in fast keiner Mannschaftssportart ein dauerhafter Erfolg sichern. Jugendliche lernen auch in Mehrspielerpartien sich mit ihren Mit- und Gegenspielern verbal auseinanderzusetzen, Absprachen einzuhalten und bestimmte Rollen innerhalb einer Gemeinschaft auszufüllen. Diese Rollen können für die Entwicklung von Jugendlichen einen sehr positiven Wert besitzen. Reduzieren sie jedoch die Rollen im realen Leben zu stark, kann dies auch einen nachteiligen Effekt haben.
In vielen Fällen sind die Mitspieler im Internet die Schulkameraden oder realen Freunde. Dann findet scheinbar lediglich ein Transfer der bestehenden Sozialbeziehungen ins Internet statt. Eltern sollten deshalb bewusst sein, mit wem ihre Kinder im Internet spielen.

Jung trifft alt
Wie fast überall im Internet bewegen sich Kinder und Jugendliche auch im E-Sport in einem Bereich, in dem sie mit Erwachsenen auf vielfältigen Ebenen in Kontakt kommen. Ob es Mitglieder der Mannschaft, Sponsoren oder Organisatoren von Wettbewerben sind, Erwachsene sitzen oft auf den wichtigen Positionen des E-Sports. Einerseits kann dieser Umstand aus pädagogischer Sicht als Chance verstanden werden: Jugendliche haben in einem sehr spielerischen Umfeld die Chance sich mit Organisation und Kommunikationsformen auseinanderzusetzen. Hierbei sind sie in Bereichen tätig, die ihnen in herkömmlichen Vereinen vorenthalten sind.
Andererseits können Jugendliche durch diesen Zustand auch überfordert werden. Was eben noch einen spielerischen Charakter hat, wird durch die Forderungen von Mitspielern schnell ernst. Äußerer Druck entwickelt sich hier bei den jugendlichen schnell zu einem inneren. Der E-Sport bekommt dann eine Bedeutung, gegenüber der die anderen Hobbys und Tätigkeiten wie die Schule zurückstehen müssen. Hier sind Eltern und Lehrer gefragt als Korrektiv einzugreifen.
Der sehr offene Umgang zwischen jüngeren und älteren Spielern kann dazu führen, dass Jugendliche innerhalb und außerhalb des Spiels Kontakt zu einer Erfahrungswelt bekommen, die ihrem Alter nicht angemessen ist. Neben einem häufig doch sehr scharfen Ton innerhalb der Spiele, beinhalten die Gespräche im Chatchannel des Clans oft Erwachsenenthemen. Eltern sollten sich dieses Umstandes bewusst sein.
Dieses Nebeneinander von Jugendlichen und Erwachsenen bietet natürlich unübersehbar positive Effekte. Die jüngeren Spieler profitieren von der Lebenserfahrung der Erwachsenen und diese müssen sich anstrengen um mit den jüngeren Spielern Schritt zu halten. Es ist oftmals erstaunlich wie harmonisch Spieler verschiedenen Alters, sozialer Herkunft und verschiedenen Geschlechts in teambasierten Spielen miteinander umgehen.
Viele E-Sportarten sind jedoch auf Reaktionsgeschwindigkeit ausgelegt. Daher sind im professionellen Spielbetrieb wenige Spieler zwischen 25 und 30 Jahren. Für viele Erwachsene eine schlimme Erkenntnis, dass auch in diesem Bereich der Leistungsfähigkeit anscheinend Altersgrenzen gesetzt sind. Diese These wird sich jedoch erst wirklich überprüfen lassen, wenn eine breite Spielermasse ein Alter jenseits der 30 erreicht hat und weiterhin im E-Sport aktiv ist.

Auch für den Umgang mit dem jugendlichen E-Sportler gibt es ein paar Hilfestellungen, an denen sich Eltern orientieren können:

- Spielen Sie gemeinsam mit dem Kind und haben Sie an den Erfahrungen, die es im Spiel gemacht hat, teil. Zeigen Sie Interesse. Nur so können Sie sich ein differenziertes Bild vom Spielverhalten Ihres Kindes machen. Lassen sie sich erklären, was ihr Kind im Spiel tut, worauf es im Spiel ankommt und spielen sie das Spiel gegebenenfalls selber.

- Legen Sie feste Spielzeiten und Spieldauer fest. Es ist zu empfehlen diese so zu organisieren, dass eine Dauer von 1,5 Stunden nicht überschritten wird und zwischen den Tagen immer auch computerspielfreie Tage liegen.

- Stellen Sie Regeln für den Medienkonsum insgesamt auf. Falsch wäre z. B. 1,5 Stunden Computerspielen und 1,5 Stunden Fernsehen am Tag zu erlauben. Besser ist es, das Kind seine Zeit am Computer und am Fernseher selbstständig auf 1,5 Stunden aufteilen zu lassen.

- Bieten Sie ihrem Kind alternative Möglichkeiten an, Erfolgserlebnisse zu haben. Diese könnten sein: Sport, Musik oder andere Hobbys, die nichts mit dem Computer zu tun haben.

- Achten Sie darauf, dass die Spiele für das Alter Ihres Kindes geeignet sind. Beachten Sie die Kennzeichen der USK auf den Spieleverpackungen.


- Informieren Sie sich zusätzlich, z. B. auf dem Spieleratgeber-nrw oder im Fachgeschäft, über den Inhalt der Spiele. Die Kennzeichen der USK dienen dazu, Kinder vor einer Jugendgefährdung zu schützen. Sie beinhalten jedoch keine Aussage über die pädagogische Eignung von Spielen.

- Achten Sie darauf, dass Ihr Kind keine Spiele Spielt, die es nicht vorher mit Ihnen besprochen hat, insbesondere dann, wenn Sie keine Informationen zu den Alterskennzeichnungen und dem Spielinhalt haben.