Gesetzlicher Jugendmedienschutz und Online-Browsergames

Die Bundesregierung hat mit ihrer Novelle des gesetzlichen Jugendschutzes vom 08. Mai 2008 einige Verschärfungen der bisherigen Regelungen zu Computerspielen beschlossen. Das Internet ist den Gesetzen jedoch mal wieder nicht nur ein oder zwei Schritte sondern bereits einen halben Tagesmarsch voraus ist.
Wie es um den Jugendschutz im Internet, gerade im Bezug auf Onlinebrowsergames, bestellt ist wollen wir ihnen im Folgenden erläutern.

Von Dennis Andrzejewski



Der gesetzlicher Jugendmedienschutz
Der gesetzliche Jugendmedienschutz in der Bundesrepublik Deutschland stützt sich auf drei wesentliche Säulen. Die erste Säule ist die Altersbeschränkung der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" (USK) in Zusammenarbeit mit den obersten Landesjugendbehörden der Länder. Aufgabe dieser Instanz ist es alle im Handel erscheinenden Computerspiele auf ihren - die Entwicklung von Jugendlichen beeinträchtigenden - Inhalt hin zu überprüfen und dementsprechende Alterseignungssiegel zu vergeben. Sollte die "USK" ein solches Prüfsiegel verweigern weil der Inhalt eines Computerspiels verrohend wirkt oder zu Gewalttaten und Rassenhass anreizt ist es Aufgabe der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" (BPjM) das entsprechende Spiel in einem Indizierungsverfahren auf Jugendgefährdung zu prüfen und gegebenenfalls die Abgabe an Jugendliche unter 18 Jahren zu untersagen sowie eine Werbe- und Abgabebeschränkung auszusprechen. Für Erwachsene ist der Titel dadurch weiterhin erwerbbar. Erfüllt ein Computerspiel durch seinen als "sozialschädlich" bezeichneten Inhalt schlimmstenfalls Tatbestände nach dem Strafgesetzbuch (§§ 86, 86a, 130, 130a, 131, 184, 184 a, 184 b StGB), wie etwa bei verfassungsfeindlichen, volksverhetzenden oder gewaltverherrlichenden Themen, tritt die Staatsanwaltschaft als dritte Säule hinzu und stellt einen Antrag zur Beschlagnahmung. Wird dem stattgegeben ist jeglicher Besitz oder Vertrieb des betreffenden Mediums verboten.

Achtung: Alle bis hierher genannten Maßnahmen greifen nur bei Medieninhalten, in diesem Fall Computerspielen, die auf einem Datenträger (einer CD-Rom, DVD oder Diskette) vorliegen und in der Bundesrepublik Deutschland vertrieben werden. Kontrollmaßnahmen erstrecken sich nur auf gewalthaltige, pornografische oder rechtslastige Inhalte. Suchtgefährdende Spielelemente wie sie bei Strategie- und Rollenspielen des Browsergenres von Fachleuten angenommen und möglicherweise vorhanden sind werden in den Jugendschutzbewertungen bisher nicht berücksichtigt.

Browsergames genießen Imunität!
Nicht etwa weil sie grundsätzlich unbedenklich oder gar inhaltlich besonders wertvoll wären – das genaue Gegenteil ist leider oft der Fall - sondern weil den Browsergames mit herkömmlichen gesetzlichen Maßnahmen nicht beizukommen ist. In erster Linie da gesetzliche Jugendschutzbestimmungen wie oben beschrieben lediglich bei auf Datenträger vorhandenen Medien greifen. Online-Browsergames stehen jedoch ausschließlich online zur Verfügung und für ihre Inbetriebnahme ist nicht mal eine Softwareinstallation notwendig. Somit gibt es keine CD welche man mit einem Prüfsiegel versehen und deren Verkauf man von einer Alterskontrolle abhängig machen könnte. Einfach die entsprechende Internetseite aufgesucht, das Spiel der Wahl angeklickt und losgespielt. Oftmals ohne eine Form von Registrierung oder gar einer Altersabfrage. Aus diesem Grund funktionieren in diesem Spielsegment auch keine, von Politikern geforderten, Jugendschutzprogramme die einen Zugriff von Kindern auf nicht altersentsprechende Medien technisch verhindern sollen. Die Spiele sind viel zu klein und einfach programmiert um auf derartige Raffinessen zu reagieren. Abgesehen davon sind die Programmierer, gerade von den kleinen und thematisch fragwürdigeren Games, häufig selbst noch Jugendliche die ihre Programmierkünste beweisen und ihre Kreativität ausleben wollen. Und welcher neunzehnjährige Schöpfer eines erfolgreichen Browsergames aus Süd-Korea kümmert sich wohl um die Jugendschutzbestimmungen der Bundesrepublik Deutschland?
Wer jetzt auf die Idee kommt man könne die Seiten derartiger Anbieter einfach sperren, egal ob privat oder von öffentlicher Hand – China kann ja auch eine ganze Nation von weiten Teilen des Internet fern halten – dem sei gesagt, dass das Internet vermutlich einige tausend derartiger Seiten parat hält. Diese verbergen sich hinter nichts sagenden Namen wie www.y8.com, www.snipurl.com oder www.newgrounds.com und verlinken ihrerseits jeweils zu mehreren hundert Spielen von denen und das sei an dieser Stelle auch endlich einmal betont, ein großer Anteil nicht blutrünstig, nicht gewaltverherrlichend oder rassistisch ist sondern ansprechenden, kurzweiligen und vor allem unbedenklichen Spielspaß bietet. Entsprechende Positivbeispiele finden sie in den Artikeln zu unserem Online-Browsergame-Dossier.

Einige Online-Browsergames präsentieren allerdings schlicht gesagt "die kleine Metzelei für zwischendurch", ohne Rahmenhandlung und ohne vom wachsamen Auge des Gesetzes erfasst zu werden. Da kann man in "The Last Stand" Zombiehorden niedermähen oder in "Clear Vision" den Alltag eines Attentäters miterleben der in niedlicher Flash-Animation Piktogramme jagt. Bei "Ray" hat der Spieler die Wahl ob er dem Typen der seine Freundin belästigt hat den Kopf mit einer Schrotflinte vom Hals schießt oder ihm lieber ein Messer in die Schläfen rammt. Noch geschmackloser und menschenverachtender geht es zu wenn sich der Spieler im selben Spiel entscheiden muss ob er den Obdachlosen mit Migrationshintergrund, den er zuvor gefoltert hat, um Informationen von ihm zu erpressen, zum Abschluss der Tortour anpinkeln oder einfach umbringen soll. Selbstverständlich werden die brutalsten Aktionen mit besonders hoher Punktzahl und dem Adelstitel "Psychokiller" honoriert.
Und wer sich in den bisherigen Titeln nicht wiedergefunden hat kann ja in "5 Minutes to kill yourself" einem frustrierten Büroangestellten beim Suizid helfen. Dies sind sicherlich besonders drastische Beispiele, aber sie sind auf den genannten Seiten frei zugänglich und auch für Kinder und Jugendliche ohne Probleme zu starten. Und mit den technischen Möglichkeiten wächst auch die grafische Wucht dieser Spiele für zwischendurch. Als Jugendgefährdend eingestufte Shooter, die Mitte der 90er Jahre noch einen leistungsstarken Rechner benötigten, werden in absehbarer Zeit im Browser laufen, erste technische Studien zu solchen Vorhaben stehen bereits im Netz.

Wie also mit diesen Inhalten umgehen?
In einer Zeit in der die Welt der Computerspiele das Internet mehr und mehr erobert und sich Kinder und Jugendliche wie selbstverständlich in diesem nahezu schrankenlosen World-Wide-Web bewegen ist ein Jugendschutz der fast ausschließlich über Verbote und Einschränkungen funktioniert illusorisch. Er wiegt diejenigen Eltern und Pädagogen, die nicht ausreichend informiert sind, in einer trügerischen Sicherheit. Der gesetzliche Jugendschutz in Deutschland funktioniert, doch gerade neue technische Entwicklungen können von ihm nie zur Gänze abgedeckt werden. Ein ausschließlich auf Verbote ausgerichteter Jugendschutz muss schon aufgrund der Komplexität des Themas ins Leere laufen. Die Forderung von vielen Seiten nach einer Stärkung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen scheint in diesem Zusammenhang der richtige Weg zu sein, jedoch sollte jedem bewusst sein, dass gerade medienpädagogische Angebote durch ihren technischen Aufwand viel Geld kosten und finanziert werden müssen. Allein durch einen Computer im Klassenzimmer erlernt kein Schüler Medienkompetenz, viele gescheiterte Versuche können davon berichten. In Zeiten leerer Kassen und knapper Personallage ist dies daher nicht immer einfach durchführbar. Die politischen Forderungen sollten deshalb also auch mit dem Willen nach einer stärkeren Förderung von nachhaltigen medienpädagogischen Projekten, gerade an Schulen als dem Lebensraum von Kindern und Jugendlichen, verbunden sein. Die praktische Arbeit des ComputerProjekts Köln und vieler Kooperationspartner mit Schülern zeigt deutlich, dass sich diese Arbeit auszahlt und die Schüler dankbar sind mit ihrem Hobby Computerspielen ernst genommen zu werden.
Was bleibt ist einmal mehr unser Appell an Eltern, Pädagogen und Erzieher sich mit den Kindern und Jugendlichen – die im übrigen oft sehr viel kompetenter in Sachen Medienkritik sind als wir ihnen das gemeinhin zugestehen wollen – gemeinsam an die Computer und Spielkonsolen zu setzen. Lassen sie sich die Spiele und Internetseiten, die ihre Kinder und Schüler nutzen, erklären. Tauschen sie sich über die gesehenen Inhalte aus. Medienerziehung muss in unserer medialen Gesellschaft endlich praktischer werden um junge Menschen zu verantwortungsvollen und kritischen Nutzern eben dieser Medien heranzuziehen.
Ein Ziel das bisher noch von keinem Verbotsparagraphen erreicht wurde.