Nier

Genre
Rollenspiele
USK
ab 16 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 16 Jahre
Vertrieb
Square Enix
Erscheinungsjahr
2010.04
Systeme
Playstation 3, Xbox 360
System im Test
Playstation 3
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Episches & emotionales Abenteuer mit spannender Geschichte, aber altbackener Grafik
Autor
Kadir Yilanci
Einzeltest
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Nier ist ein Action-Rollenspiel, angesiedelt in einer Welt, die sich ins Mittelalter zurück entwickelt hat.
Über dem Land liegen Krankheit, Tod und Verderben. Die Runenpest hat zahlreiche Bewohner befallen, an dessen Ende sie die Verwandlung in ein Schattenwesen erwartet. Eine von ihnen ist Yonah, die Tochter von Nier und Helden des Spiels, der nun verzweifelt versucht ein Gegenmittel zu finden. Leider sind seine finanziellen Mittel sehr begrenzt, weshalb sich der Vater, der früher ein Söldner gewesen ist, als Tagelöhner durchschlagen muss. So bekommt Nier von den Figuren in seinem Dorf zahlreiche kleinere und größere Aufgaben, um beispielsweise Kräuter zu suchen, Lämmer zu jagen oder besorgniserregenden Meldungen aus dem Umland nachzugehen.

Anfangs ist unser Held noch alleine unterwegs, aber bald gesellen sinierch ein paar ziemlich schräge Figuren hinzu und helfen Nier im Kampf gegen die Runenpest. Kainé beispielsweise ist ein Zwitterwesen aus Mann und Frau, ein sogenannter Hermaphrodit, und hat ein ziemlich loses und vulgäres Mundwerk. Daneben erscheint im weiteren Verlauf ein Junge, der zu Recht eine Augenbinde trägt. Denn durch einen Fluch verwandelt Emil alles, was er ansieht, zu Stein, fast so wie die mythische Figur der Medusa. Und um das ungewöhnliche Quartett zu komplettieren, gesellt sich recht früh ein sprechendes Buch, das den Namen Grimoire Weiss trägt, und Nier mit Informationen und Zaubersprüchen unterstützt.

Pädagogische Beurteilung:
Eine sterbende Welt
Generell sind Bücher und Worte in dem Spiel von zentraler Bedeutung. Im Spiel verteilt gibt es besondere Verse, die es zu finden gilt. Mit diesen versiegelten Versen kann der Spieler seine Zauberfähigkeiten verbessern und erweitern. Informationen über die Runenpest werden in Büchern gefunden und müssen gelesen werden. Ebenso gilt es die meisten der tiefgründigen Dialoge zu lesen. „Nier" ist also kein Spiel für ungeduldige Naturen, belohnt aber Spielende mit einer vielschichtigen Geschichte.

Action-Rollenspiel-Adventure
Im Gegensatz zu normalen Rollenspielen, RPG (Role playing game) abgekürzt, hat das Kämpfen hier eine zenralere Bedeutung. Der Spieler ist mit einem Schwert bewaffnet und muss zudem Zaubersprüche einsetzen, um die Schattenwesen und vor allem die sehr fordernden und manchmal riesiegen Levelbosse zu besiegen. Besonders diese Kämpfe sind sehr anspruchsvoll und mehrstufig gestaltet, so dass Videospielneulinge hier des öfteren ins Gras beissen werden. Teilweise fühlt man sich an die Kämpfe gegen die Riesen aus dem Klassiker "Shadow of the Colossus" (Test: Shadow of the Colossus) erinnert. Aber wie so oft sind auch diese Ungetüme mit der richtigen Taktik und etwas Beharrlichkeit zu besiegen und verströmen anschließend bei Videospielern die befriedigenden Glücksgefühle. Sehr gelungen in "Nier" sind die Perspektivwechsel. Dazu wechselt das Spiel von der 3-dimensionalen Ansicht in die eine seitliche 2D-Perspektive und wechselt so auch das Genre. Aus dem Rollenspiel wird so zwischendurch ein Jump 'n' Run mit Kampfelementen. Durch den Einsatz von Waffen und Magie bekommt der Spieler Erfahrungspunkte. Dadurch verbessern sich rollenspieltypisch seine Fähigkeiten. Nach und nach findet Nier zudem neue und bessere Waffen und die bereits erwähnten Versiegelten Verse, die sein Zauberpotential erweitern.

Das Spiel hat von der USK eine Freigabe ab 16 Jahren bekommen. Eltern sollten wissen, dass die Kämpfe gegen die Schattenwesen sehr blutig ausgefallen ist. Die sind aber unrealistisch übertrieben und sind vielmehr Ausdruck und Remminiszenz an die japanische Manga und Anime Kultur.

Emotionale Geschichte
Schon zu Beginn des Spiels fällt die düstere Atmosphäre von "Nier" auf. Diese ist auf den ersten Blick natürlich der Pandemie in der Spielwelt geschuldet. Aber mit fortschreitender Spieldauer wird der Spieler in eine traurige und melancholische Aura hineingesogen, die durch das Gesamtensemble aus dem Grundplot, der gezeichneten Welt, der traurigen Musik und vor allem durch die enge Beziehung zwischen Vater und Tochter hergestellt wird.

Nier ist ein gezeichnter Held. An seiner Stimme und seinem zerfurchten Gesicht zeichnen sich die selten schönen Erfahrungen aus seiner bewegten Vergangenheit ab und ähnelt dabei ein wenig an John Marston, dem Anti-Helden aus "Red Dead Redemption" (Test: Red Dead Redemption). Wie John Marston, der alles daran setzt seine Familie zu befreien, nimmt Nier daher auch nicht immer würdevolle Aufgaben an, um seiner kranken Tochter das Leben soweit wie möglich zu vereinfachen und ihr etwas Freude zu bereiten. Die Verantwortung für das Leben von Yonah liegt und lastet schwer auf den Schultern ihres Vaters. Durch diese enge Vater-Tochter-Beziehung gelingt es dem Spiel Emotionalität und einen Beschützerinstinkt zu erzeugen und diese auf den Spieler zu übertragen. Dadurch entseht ein hoher Grad an Emphathie und Involviertheit in die Geschichte und das Schickal der Protagonisten. Interessant ist übrigens wie in der japanischen Version des Spiels die emotionale Beziehung zum Spieler aufgebaut wurde.

Interkulturalität bei Videospiele(r)n
Die Videospielwelt teilt sich in zwei große Hemisphären. In die westliche Hemisphäre mit Europa und den USA und in die östliche asiatische Welt, die vor allem Japan, Südkorea und immer mehr China repräsentieren. Zwischen beiden Welten sind die meisten Spiele-Genres weitgehend kompatibel, aber dennoch gibt es Spielkonzepte, die nicht überall funktionieren. Beispielsweise sind vor allem First-Person-Shooter in Japan bei weitem nicht so beliebt, wie in Europa und den USA. Ein Grund wird vermutet, dass dieses Genre vor allem für Computer mit der Mausbedienung entwickelt wurde und in der japanischen Kultur der Computer mehr als Arbeitsgerät, denn als Spielgerät angesehen wird. Westliche Knaller werden in Japan kaum gekauft, entgegengesetzt haben japanische Hits wie eine Lokführersimulation oder viele Rollenspiele hier kaum eine Chance. Durch Nintendos Wii wurden allerdings asiatische Spielekonzepte wie Trommelspiele oder Kochsimulationen westlich-kompatibel und gerne gespielt.

Aber auch an der Art Geschichten zu erzählen oder Charaktere zu gestalten, gibt es interkulturelle Unterschiede. Die Geschichten und die Charaktere sind in japanischen Spielen detaillierter ausgearbeitet und trotz ernster Themen aber auch verspielt dargestellt. Durch den Einfluss der Manga-Kultur sind viele Helden sehr comichaft dargestellt. Weibliche Figuren sind sehr mädchenhaft, die männlichen Spielfiguren sind recht androgyn gestaltet. So belegen auch Untersuchungen von Kulturwissenschaftlern, wonach in Japan eher feminine Werte wie Zurückhaltung, Beziehung und Nachhaltigkeit eine Rolle spielen. Westliche Videospiele sind im Vergleich mehr vom Medium Kino beeinflusst, als von Comics. Die Figuren sind überzeichnet feminin oder maskulin dargestellt und strahlen männliche Attribute wie Stärke und Durchsetzungsfähigkeit aus. Hier ein etwas älterer, aber immer noch lesenswerter Artikel zu Unterschieden in Videospielkulturen auf Spiegel Online.(Stand: 29. 11. 2011). Allerdings ist in den letzten Jahre eine Vereinheitlichung zu beobachten. Genres, Geschichten und Helden werden angeglichen, damit sie überall auf der Welt verkauft werden können.

Auch bei „Nier" gibt es eine interkulturelle Besonderheit. Für den japanischen Markt waren zwei Versionen erhältlich. Bei der Version für die Xbox360 handelt es sich um die selbe westliche Version, für die PS3 allerdings wurde die Hauptfigur eher an die japanischen Mangafiguren jugendlich und sehr androgyn gestaltet. Dadurch wurde auch das Beziehungsgeflecht des Spiels auf den Kopf gestellt. Aus der westlichen Vater-Tochter Beziehung ist in der japanischen Version eine Geschwisterliebe aus Bruder und kleiner Schwester geworden, wie in dem bewegenden Anti-Kriegs-Anime „Die letzten Glühwürmchen" (1988). Für die westliche Variante also ein starker harter Held und für Japan ein fürsorglicher, feminin wirkender Bruder. Das belegt wieder die erwähnten Ergebnisse aus der vergleichenden Kulturwissenschaft. Vielleicht ist dies aber auch der japanischen Mythologie geschuldet, in der die beiden Götter Izanagi und Izanami, ebenfalls ein Geschwisterpaar, Japan erschaffen haben sollen.

Fazit:
"Nier" sieht etwas altbacken aus, die Grafik und vielleicht sogar das Spielprinzip sind nicht mehr zeitgemäß. Durch das viele Lesen verlangt es vom Spieler Geduld und Ausdauer. Aber das Spiel hat etwas, was den meisten aktuellen kurzen und kurzlebigen Videospielen voraus hat: eine Geschichte und Figuren, zu denen Spielende eine emotionale Verbindung aufbauen können, wie das in vielen Romanen und einigen Filmen der Fall ist.