Machinarium

Genre
Adventure
USK
ohne Altersbeschränkung (?)
Pädagogisch
ab 10 Jahre
Vertrieb
Daedalic Entertainment
Erscheinungsjahr
2009.03
Systeme
PC, Mac
System im Test
Mac
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Ein tiefgehendes, melancholisches Adventure mit einzigartiger Atmosphäre
Redaktion
Markus Wollmann
Spieleratgeber-NRW
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Adventures erleben gerade so etwas wie eine Renaissance. Neben alten Klassikern, die mit zeitgemäßer Grafik und weiteren Inhalten aufgepeppt werden, gibt es auch viele neue Spiele, die dem Genre des Abenteuerspieles zugerechnet werden können und nicht selten über die Ladentheke gezogen werden. War dies früher ganz klar das Feld für PC, Mac oder Linux, haben auch die gängigen Konsolen wie Playstation 3, Xbox360 und Nintendo Wii Adventures und ihre simple Spielmechanik für sich entdeckt. Und so kann man heutzutage auch mit klobigen Controllern die Rätsel lösen, die früher nur mit einem Mausklick zugänglich waren. Aber um ganz ehrlich zu sein: Am meisten Spaß macht es doch immer noch mit tierischen Controller für den persönlichen Heimcomputer.
"Machinarium", ein Spiel des tschechischen, vielfach prämierten Entwicklerstudios Amanita Designs und herausgebracht von deutschen Publisher Daedalic Entertainment, war bisher nur in reinem Englisch per Download zu beziehen. Nun aber hat man dem immer noch stark vertretenen Schachtelmarkt nachgegeben, so dass das Spiel auch in Fachgeschäften zu beziehen ist – und das mit deutscher Sprachausgabe. Skurril dabei: In "Machinarium" wird kaum ein Wort gesprochen. Nur zu Beginn werden in kurzen Sätzen die Optionen erläutert. Ansonsten bleibt Hauptdarsteller Jakob und die mitmischenden Charaktere still wie ein Goldfisch. Nur der einnehmende Soundtrack belebt das Geschehen, worauf später detailliert eingegangen wird.
Jakob ist ein kleiner Roboter, der ganz zu Beginn von einem fliegenden Müllwagen auf einem Schrottplatz abgeladen wird. Ohne Arme und Beine, die er sich geschickt und natürlich mit Hilfe des Spielers einsetzt, versucht er den Weg in die futuristische Stadt zu finden, die ganz und gar von Robotern bewohnt ist und ihm den Einlass nicht mehr gestattet. Auf seiner Reise, die wir für ihn erst möglich machen, erfahren wir mehr und mehr von Jakob und seiner Geschichte. Deswegen soll an dieser Stelle nichts verraten werden, so dass Sie selbst entdecken können, was ihm im Verlauf widerfährt – und was eigentlich in ihm steckt.
Gespielt wird mit, wie oben schon angedeutet, der bekannten Maus. Per Klick kann man Jakob von der einen zur anderen Stelle bewegen, man kann verschiedene Gegenstände anwählen und Jakob vergrößern oder verkleinern. Dies ist ab und an nötig, da Jakob nur in einer gewissen Größe Schalter, Türen oder Gegenstände erreichen kann. Hat man solche Gegenstände aufgehoben, steckt sich Jakob diese in den weit geöffneten Mund, was nichts anderes heißt, dass sie nun im spielereigenen Inventar zugefügt werden. Diese Inventar-Teile lassen sich nun, ganz nach dem Adventure-Prinzip, wieder auf andere Gegenstände, Charaktere, Schaltungen oder Gebäudeteile anwenden bzw. mit anderen Teilen kombinieren.
Ziel ist es die Rätsel zu lösen und damit Schritt für Schritt weiterzukommen. Schritt für Schritt bedeutet in "Machinarium", dass alle notwendigen Dinge und damit auch die Rätsel auf einem Bildschirmbild vorhanden sind. Sind alle Aufgaben gelöst, geht es automatisch weiter zum nächsten Bildschirmbild, wo erneut das Denkvermögen des Spielers gefragt ist, um den Weg fortzusetzen. Erst im späteren Verlauf des Spiels, findet die Rätsellösung übergreifend auf mehreren Bildschirmen statt.
Beigelegt hat man "Machinarium" übrigens den Vorgänger "Samorost 2" - ein Flashgame, das bisher ausschließlich online zu spielen war und verdient viele Computerspielpreise eingeheimst hat. Demnach ungeduldig war die Fanschar von "Samorost 2", die schon seit längerem auf einen Nachfolger gewartet haben und nun mit "Machinarium" belohnt wird.

Pädagogische Beurteilung:
Zugegebenermaßen: Es war nicht einfach die jugendlichen Tester zum Spielen von "Machinarium" zu bewegen. Adventures haben nun mal in der Generation der heute 12 bis 18-jährigen (und sicherlich auch darunter und darüber hinaus) einen schweren Stand. Käufer sind in erster Linie Erwachsene, die mit diesem Genre aufgewachsen sind. Geduld ist vor allem gefragt, um in Adventures bestehen zu können und letztlich auch erfolgreich zu sein. Bei den vielen Spielen, die auf eine unaufhaltsame, bombastische Bilderflut setzen und des Spielers Geduld gar nicht erst auf die Probe stellen, ist es kein Wunder, dass Jugendliche an solcherart Spiel kein Interesse mehr haben. Schaut man sich in anderen Medien um und vergleicht diese mit früheren Äquivalenten, beispielsweise in Zeichentrickfilmen bzw. -serien, wird deutlich, dass auch hier nicht mehr wirklich mit der Geduld des Konsumenten gespielt wird. Schnelle Schnitte, zügellose Musikuntermalung und leider auch sehr oft eine anspruchslose, hohle Handlung. Letzteres ist sicherlich nicht Standard, nur eben ein trauriger Nebeneffekt der Schnell-Schnell-Produktionen unserer Zeit. Verwundern tut dies übrigens nicht, passen sich die Medien und ihre Nutzer doch dem aktuellen gesellschaftlichen Tempo und damit dem Zeitgeist an. Und der ist nicht nur in Sachen Medien auf "Schnell" gestellt.
Ein Grund, wieso man die Tester schlussendlich doch noch überzeugen konnte, war, dass es in "Machinarium", wie sonst in anderen Adventures eher untypisch, nichts zu lesen gibt (sieht man mal von der minimalen Einführung der Optionen am Anfang ab). Dem Spiel reichen wenige Gestiken der Charaktere und ein paar, in Sprechblasen eingeblendete Symbole aus, um dem Spieler verständlich zu machen, was hier gerade läuft oder auch falsch gelaufen ist. Verwendet man zum Beispiel einen Gegenstand, der gerade so gar nicht reinpasst und nie und nimmer dem Rätsel auf die Sprünge helfen wird, schüttelt Jakob kräftig den Kopf. Jedem Tester war sofort klar, dass in dieser Situation ein anderer Lösungsweg gefragt ist.
"Machinarium" ist anders als andere Spiele, das merkt man schon, wenn man sich die Spieloberfläche ansieht. Alle Hintergründe wurden mit viel Liebe von den tschechischen Entwicklern handgezeichnet. Nicht selten musste der Gruppenleiter der Testergruppe an frühere Trickfilme aus dem osteuropäischen Raum denken, die für westeuropäische Zuschauer oft zu abstrakt und experimentell wirken. Und das nicht nur durch das, was man oberflächlich sah und sieht, sondern auch durch die Wirkung auf den Betrachter. Diese zeichnet sich, wie nun auch in "Machinarium", durch einen erhöhten Grad an Melancholie aus. Jakob steht häufig allein in den engen Gassen der Stadt und um in herum türmen sich die leblosen, unförmigen, schrulligen Gebäude auf. Es ist die Fremdartigkeit, die Nichtmenschlichkeit und das Nichtwissen, ob überhaupt noch andere Figuren um den Hauptcharakter Jakob herum existieren, die dem Spiel einen subtilen Faktor Traurigkeit verleihen. Damit wird aber keineswegs das Spielerlebnis getrübt. Es kommt eher einer Faszination gleich sich in dieser atemberaubenden, abstrakten Stadt zu bewegen und die leidenschaftlichen Zeichnungen auf sich wirken zu lassen. Auch die Testergruppe war begeistert von den grafischen Elementen: "So ein Spiel habe ich noch nie gesehen. Wunderschön!" (Tester, 13). Aber nicht nur die Grafik steht für den melancholischen Schleier, der über "Machinarium" ausgebreitet liegt. Die angeschnittenen Thematiken, wie Entfremdung, Mobbing, Ausgestoßensein, Andersartigkeit, unerfüllte Sehnsüchte und die erzwungene Unterwürfigkeit, sprechen nicht die Sprache von anhaltendem Glück und Ausgewogenheit. "Machinarium" durchbricht den oberflächlichen Charakter vieler anderer Spiele und blickt feinfühlig auf die Seele des Hauptdarstellers, auch wenn dieser nur ein Roboter ist.
Eltern und Pädagogen, die nun eine Gefahr für ihr Kind sehen, sei an dieser Stelle gesagt, dass "Machinarium" nicht im Mindesten verstörend wirkt und auch nicht auf Dauer in Tristesse badet. Jakob ist nämlich ein kleiner Schusel, der oft genug für amüsante Slapstick-Einlagen sorgt und somit immer wieder Lacher auf seiner Seite hat. Auch sind die Figuren so gestaltet, dass sie Kinder als auch Jugendliche ansprechen, anstatt sie ratlos und überfordert zurück zu lassen. Viel wichtiger aber ist, dass es für Kinder und Jugendliche ganz entscheidend ist, sich mit dem Gefühl der Traurigkeit und auch den oben genannten Themen auseinandersetzen können. Denn dies ist lebensnah und wird sie früher oder später auch irgendwann betreffen – egal ob beteiligt oder unbeteiligt, passiv oder aktiv. Ganz entscheidend: "Machinarium" ist mit so viel Feingefühl gestaltet, dass keiner der Spieler mit einem weinenden Auge zurückgelassen wird. Zwar bietet "Machinarium" keine vollständigen Antworten auf das Unglück, das Jakob widerfährt (was auch das Leben häufig nicht gibt, verlieren wir uns ins unglücklichen Verstrickungen), aber zeigt auf, dass schlechte Zeiten vorbei gehen und das über sich selbst hinaus wachsen kann, wenn man nur an sich glaubt. Kinder ab 10 Jahren, mit einem entsprechenden Reifegrad, dürften diese Reflexionsgedanken verstehen und auch trennen können, dass, wenn man den Computer ausschaltet, man nicht selbst der ist, der die melancholischen Gedanken mit sich herumträgt.
Diese zwiegespaltene Atmosphäre, durch die "Machinarium" praktisch lebt und atmet, wird weiterhin unterstrichen durch den Soundtrack. Ambientartige Flächengebilde und zur Roboterstadt passende, leise instruierte elektronische Spielereien beleben den Hintergrund. Der Effekt in den Testergruppen war ein besonderer: "Die Musik macht mich zwar nicht müde, aber sie entspannt mich total. So kann ich richtig locker spielen, ohne das es stressig wird, falls ich mal ein Rätsel nicht sofort gelöst bekomme." Viele der Tester stülpten sich Kopfhörer über, um so intensiver der Musik zuhören und weiter in "Machinarium" eindringen zu können.
Wie schon die beiden "Samorost"-Spiele ist auch "Machinarium" in seinen Rätseln perfekt auch Spieler und Nichtspieler abegestimmt. Regelmäßige Spieler können sich über viele kluge und vor allem neuartige Rätsel freuen, bei denen einiges an Kombinationsgeschick gefragt ist. Nichtspieler werden dagegen zu keiner Zeit überfordert, da der Schwierigkeitsgrad stetig in kleinen Schritten ansteigt, ohne größere Sprünge zu machen. Nur die eingestreuten Puzzle-Rätsel sind knackig schwer, aber mit diesem Problem haben auch geübte Spieler zu kämpfen. "Machinarium" bietet sich in seiner ausgestrahlten Ruhe also beinahe perfekt für Neueinsteiger an, die noch nie ein Computerspiel erlebt haben. Das gilt insbesondere für Eltern und Pädagogen, die bisher noch keine Gelegenheit zum Spielen hatten oder durch Berührungsängste verhindert waren. Auch wenn es atmosphärische Abstriche in Kauf zu nehmen gilt, ist "Machinarium" auch zum gemeinsamen Spiel geignet. Besonders Kinder, die die nonverbalen Signale von Jakob und des Spiels nur bedingt deuten können, freuen sich sicherlich über Unterstützung. Da alle zu bedienenden Gegenstände auf dem Bildschirm zu finden sind und dafür keine Wege in Anspruch genommen werden müssen, macht es vor allen Dingen Spaß gemeinsam herumzuschnüffeln und den Bildschirm bis auf den letzen Zentimeter abzuklappern. Das anschließende Knobeln wird mit Bestimmtheit auch mal in eine Sackgasse führen. Sollte es soweit kommen und ist die Motivation zum Weiterraten aufgebraucht, bietet "Machinarium" einen kleinen Hinweis an. Dieser ist so subtil gestaltet, dass unserer Tester auch nach dessen Gebrauch nicht das Gefühl hatten, nicht allein auf die Lösung gekommen zu sein.

Fazit:
"Machinarium" ist ein ganz besonderes Adventure, das neben Rätseln und Puzzeln auch eine tief gehende, aber gleichzeitig subtil und feinfühlig inszenierte Hintergrundgeschichte bietet. Dabei verzichtet es komplett auf Sprache und besticht nur durch Körpergestiken, Symbole und natürlich durch die handgezeichnete, eindrucksvolle Grafik, sowie durch den atmosphärischen, an die Roboterstadt angepassten Soundtrack.
Kinder ab 10 Jahren dürften den allgemeinen Schweregrad der Rätsel meistern, sagen aber sicherlich nicht nein zur Hilfe, falls der nonverbale Sprachgebrauch des Spiels missverstanden wird oder ein forderndes Puzzle den Spieler an die Grenzen der Motivation bringt. Auch dürfte ab diesem Alter die Reflexions- und Abstraktionsfähigkeit so ausgeprägt sein, dass die zum Teil melancholieverströmenden Inhalten verarbeitet und entsprechend vom eigenen Leben getrennt werden können.

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Spieletester
Bürgerzentrum Deutz
Köln
Bewertung Spielspass