Digimon Story: Cyber Sleuth

Genre
Rollenspiele
USK
ab 12 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 12 Jahre
Vertrieb
Bandai Namco Entertainment
Erscheinungsjahr
2016.02
Systeme
Playstation 4, Playstation Vita
System im Test
Playstation 4
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Tiefgängige Rollenspiel-Kost mit vielen Sammelmöglichkeiten
Zusatzinformationen ausklappen
Interessant für
Sammel- und Rollenspiel-Fans mit einer Affinität zu Animes
Sprache
Japanisch (Sprache) / Deutsch (Text)
Grafik
farbenfrohe Anime-Grafik mit detaillierten Modellen
Sound
Sound- / Musikrichtungen: Electronic, Techno, Pop

Steuerung
einfach
komplex
Anforderungen
einfach
schwer
Zeitaufwand
gering
hoch
Spielwelt
linear
offen

Indentifikationsfiguren
eigener Avatar sowie viele Freunde und Helfer (Digimon und Menschen)
Mehrspielermodus
optionaler Mehrspieler-Modus beinhaltet hauptsächlich Kämpfe gegeneinander
Spielforderungen
Geduld, Lesefähigkeit
Zusatzkosten
nicht vorhanden
Problematische Aspekte
hoher Zeitaufwand
Gruppenleiter
Koray Çoban
Ü8 Elsa-Brandström-Schule Düsseldorf | Spieletester an der HHU
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Spielbeschreibung:
Einstiger Tamagotchi-Konkurrent, basierend auf einem virtuellen Haustier-Konzept, fokusiert auf Freundschaft, Fürsorge, Mut, aber auch Trauer und Angst. Ob in böser oder guter Gestalt, als Freund oder Feind und bestückt mit übernatürlichen Fähigkeiten machen sich diese Kreaturen auf ins Kampfgeschehen gegen eigene Artgenossen. Die Rede ist von Digimon, digitale Monster, die zahllose Kinder und Jugendliche schon seit Ende der 90er Jahre auf den Fernsehbildschirmen zu begeistern vermögen.
Nach jahrelanger Funkstille um die Marke in der westlichen Videospiel-Szene, erschien im Februar 2016 auch außerhalb von Japan ein Ableger für eine aktuelle Videospiel-Konsolen, die PlayStation 4. Hierbei entfernt sich Digimon Story: Cyber Sleuth zwar von der originalen Handlung der Fernsehserie Digimon Adventure (1999), die Rückkehr von altbekannten Monstern und der damit verbundene Nostalgiefaktor bleiben hier jedoch definitiv nicht aus. Entsprechend kommt eine typisch japanische Zeichentrick-Optik (Anime) ebenfalls zur Geltung.
Zu Beginn des Spiels ist man aufgefordert, sich zwischen einem männlichen und weiblichen Avatar, welcher folglich als Hauptprotagonist wirkt, zu entscheiden. Die Handlung spielt in einer nicht zu weit entfernten Zukunft. Menschen haben eine Plattform namens Eden kreiert, in der eine digitale Persönlichkeit angenommen werden kann. In dieser rein virtuellen Welt ist man in einen Unfall mit einer unbekannten Gestalt verwickelt und wird von dem Eden-Syndrom befallen. Diese Krankheit führt zu unregelmäßigen Schwankungen zwischen der „realen" und der virtuellen Präsenz der Hauptfigur. Im weiteren Verlauf gilt es, neue digitale als auch menschliche Freundschaften zu schließen, Bedrohungen aus der virtuellen Welt zu bekämpfen sowie ein Heilmittel für den oder die Protagonist_in zu finden. Parallel zu jenen Aspekten werden mit den eigenen Digimon jedoch auch so einige Kämpfe in rundenbasierter Manier bestritten.

Text von Iskender Bajramov

Pädagogische Beurteilung:
Eine Hand wäscht die andere
Eingetaucht in die digitale Welt Eden, befällt einen wie erwähnt das sogenannte Eden-Syndrom. Nicht in der Lage, den eigenen Körperzustand zu stabilisieren, wird die Spielfigur von Detektivin Kyoko Kuremi in Sicherheit gebracht. Diese junge Frau bietet ihre Hilfe bei der Wiederherstellung des „realen" Körpers an. Im Gegenzug jedoch ist der Avatar daran gebunden, als Assistent in ihrer privaten Detektei zu arbeiten. Zwei weitere wichtige Charaktere zeigen sich in Nokia Shiramine und Arata Sanada. Erstere stellt sich als temperamentvolle Teenagerin mit weichem Kern heraus. Arata hingegen weiß nur sehr spärlich mit Worten umzugehen, behält dadurch allerdings gleichzeitig eine mysteriöse Präsenz. Neben den genannten menschlichen Partner_innen, gesellt sich auch eine Auswahl an Digimon an die Seite der Hauptfigur. Mit der Zeit gewinnen die Spielenden mehr und mehr das Vertrauen der Anhänger_innen. So riskiert man an manchen Stellen das eigene Leben, um für die Freunde aufzukommen. Auf der anderen Seite wird dies jedoch auch mit entsprechender Loyalität von der Gegenseite belohnt. Und diese Loyalität begrenzt sich nicht nur auf die menschlichen Figuren. Nokia baut z.B. eine ebenso enge Bindung zu zwei ihrer Digimon (Agumon und Gabumon) auf. Eine Bindung, bei der gelacht und gestritten, aber auch geweint und sich umeinander gesorgt wird. Hat sich diese buntgemischte Truppe einmal zusammengefunden, springt man sofort in das eigentliche Abenteuer hinein. Es kommt hierbei vor allem darauf an, eigene als auch fremde Probleme, ob in der „realen" oder virtuellen Welt, zu lösen.
Schritt für Schritt arbeitet man sich von kleinen bis hin zu kolossalen Kämpfen, während es gilt, Geheimnisse von Virenattacken sowie bösartige Hacker-Machenschaften zu vereiteln. Werte wie Freundschaft, Mitgefühl und Gerechtigkeit werden in Digimon Story: Cyber Sleuth nicht nur regelmäßig, sondern auch mit starker Gewichtung genutzt.

Im Inneren des Internets
So manch einer hat sich bestimmt schon einmal die Frage gestellt, wie sich der optische Eindruck einer virtuellen Welt (also beispielsweise der Welt des Internets) präsentieren würde, wäre es denn einem tatsächlich möglich, diese zu betreten. Genau dieses Bild eines virtuellen Universums versucht Digimon Story: Cyber Sleuth offenzulegen. Doch gelingt dies dem Videospiel auch auf überzeugende Art und Weise?
Zunächst sei angemerkt, dass die Farbgestaltung der virtuellen Umgebung sich größtenteils an einem dynamisch pulsierenden Blau orientiert. Was für manche eintönig wirken könnte, stellt sich für andere jedoch viel eher als einheitlich dar. Hierdurch kann eine zusammenhängende als auch schlüssige Weltgestaltung, die auf stark strukturierte Rechenvorgänge in einem Computer zurückzuführen ist, stattfinden. Ausgebaut wird diese Weltpräsenz außerdem u.a. von endlos emporsteigenden Türmen, Schauplätzen des Alltags (z.B. Spielplätze), aber auch durch eine Vielzahl an holografischen Kästchen, die mit kryptischen Zeichen oder Texten bestückt sind. Abgerundet wird dieses Konzept einer virtuellen Welt durch die Implementierung unzähliger blockartiger Elemente, welche aller Wahrscheinlichkeit nach eine Referenz zu Pixeln darstellen. Alles in allem wird hier eine nicht nur mysteriöse, sondern auch kohärente Welt geschaffen, die deutlich eher Neugier in einem weckt, als dass sie aufgrund von Verfremdung abschreckt.
Während das optische Design des virtuellen Raumes somit überzeugend getroffen wurde, bleibt das Level-Design des Spiels ein wenig auf der Strecke. So zeigen sich die meisten begehbaren Orte in schlauchartiger und strikt linearer Form. Diese mobile Limitierung führt auch zu entsprechend eingegrenzten Erforschungsmöglichkeiten innerhalb der Spielwelt. Zudem ist zu beachten, dass die Spielenden sich gelegentlich auch in bestimmten Gebieten Edens, die direkte Parallelen zur echten Welt schlagen, wiederfinden. Da das Verschmelzen von „realer" und digitaler Welt einen bedeutsamen Bestandteil der Handlung ausmacht, sind auch Elemente aus beiden Welten in ihrer entsprechenden Gegenwelt zu beobachten.
Diese sogenannte „reale" Welt im Videospiel wiederum besteht aus einer Nachbildung des Stadtbezirkes Akihabara, welches diverse Aspekte der japanischen Popkultur an einem Punkt vereint. So steht es dem Spieler hier z.B. offen, in verschiedensten Geschäften einzukaufen oder Minispiele in Arcade-Hallen auszuprobieren. Sucht man also ein wenig Kontrast zu der Plattform Eden, steht einem jederzeit die Möglichkeit offen, zurück in den normalen Alltag der Teenager zu springen.

Einsteigerfreundlich, jedoch mit dezenter Note Komplexität im Abgang
Da bei Digimon Story: Cyber Sleuth gut und gerne 60 bis 80 Stunden investiert werden können, gerät der Spielinhalt im Gesamtbild keinesfalls zu kurz. Zu beachten ist dennoch, dass diese beträchtlich hohe Spielzeit in der Regel nur durch das Abschließen des Spiels in seiner Gänze, inklusive all seiner Nebenaufgaben, erreichbar scheint. Doch wie genau wird diese Zeit im Spiel gefüllt? Der optionale Mehrspieler-Modus, welcher aus Kämpfen gegen echte Spieler_innen und ihren Digimon besteht, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Der deutlich gewichtigere Fokus liegt auf dem Einzelspieler-Modus. Wie auch bei den Pokémon-Spielen gilt es, so viele verschiedene Monster wie möglich zu sammeln.
Das Grundgerüst besteht aus dem Bereisen und Besuchen verschiedener digitaler Orte, um nach einem Zufallsprinzip auf diverse wilde Digimon zu treffen. Ob man hierbei stärkeren oder schwächeren, seltenen oder gängigen Monstern begegnet, hängt lediglich vom Glück ab. Je nach Fortschritt trifft man zunehmend neue, aber auch kräftigere Digimon in der virtuellen Welt Eden.
Dabei gestaltet sich das Kampfsystem durchaus simpel und übersichtlich. Wie es in zahllosen vorherigen Rollenspielen schon der Fall war, wird auch hier zwischen folgenden Optionen entschieden: Spezial-/Angriff, Blocken, Gegenstände (Heiltränke etc.) sowie Flucht. Auf selbsterklärende Weise müssen die Gegner besiegt werden. Da außerdem der ganze Kampfprozess rundenbasiert ausfällt, können die Spieler_innen stressfrei und durchdacht von Zug zu Zug voranschreiten. Das „Fangen" der Digimon hingegen geschieht auf relativ ungewohnte Art und Weise. So erhalten die Spielenden bei jeder Konfrontation mit einer bestimmten Digimon-Art einen gewissen Prozentsatz an Dateninformation über das entsprechende Wesen. Stößt man also oft genug auf ein spezifisches Digimon und erreicht mindestens 100%, wird es einem ermöglicht, eben jenes Monster zu erhalten. Je nach Seltenheit des Wesens, füllt sich die entsprechende Prozent-Leiste schneller bzw. langsamer. Hierbei sei erwähnt, dass das Maximum an Dateninformationen pro Digimon bei 200% liegt. Investiert man also noch mehr Zeit bei der Suche, wartet auch eine entsprechend stärkere Kreatur als Belohnung. Was auf den ersten Blick als ziemlich kompliziertes System erscheint, entwickelt sich genauso schnell zu einer einfach überschaubaren Routine für die Spieler_innen.
Der eigentlich komplexe Teil findet sich im Entwicklungssystem der einzelnen Digimon wieder. Denn hier muss verschiedensten Faktoren sowie Statuswerten Beachtung geschenkt werden. Ab einem bestimmten Stadium können sich Monster nur noch weiterentwickeln, sofern ihre Werte die vorgegebenen Bedingungen erfüllen. Um diese Werte jedoch anheben zu können, müssen sowohl vielerlei Gegenstände gefunden (beispielsweise durch Kämpfe oder in Truhen) als auch Digimon mit großem Zeitaufwand trainiert werden. Dies erfordert nicht nur diszipliniertes Zeitmanagement, sondern auch leichte Rechenvorgänge bezüglich des Organisierens der Statuswerte. Hinzu kommt, dass jedes Wesen mehrere Entwicklungszweige mit andere Formen aufweist. So blicken wir hier auf einen Stammbaum, der letztendlich knapp 250 verschiedene Digimon beinhaltet. Wird also all dies in Betracht gezogen, kann man sich durchaus ausmalen, wodurch die anfangs erwähnte Spieldauer zustande kommt. Was hierbei auch nicht vergessen werden darf, ist der nicht minder lange Story-Modus. Und obwohl in dieser Beurteilung die Spielsysteme möglichst detailliert dargestellt sind, bleiben viele weitere Mechaniken unerwähnt. Denn der Inhalt und die Möglichkeiten kommen in großer Anzahl und vielen Facetten daher. Dementsprechend spielen Aspekte wie Zeitmanagement und mentale Forderung bedeutsame Rollen hinsichtlich einer pädagogischen Einordnung.

Sex und Gewalt
Zwar halten sich sexistische Elemente weitestgehend in Grenzen, dennoch kommt es gelegentlich zu freizügiger Darstellung weiblicher Figuren. Die Art, bestimmte Züge von Frauen in der Zeichentrickkultur übersexualisiert darzustellen, ist definitiv nichts Neues für japanische Künstler. Jedoch kann der Widerspruch entsprechend größer im Westen ausfallen. Der Aspekt der Gewalt wiederum begrenzt sich hauptsächlich auf Kämpfe unter den Digimon selbst. Dabei kommen nur selten Menschen erkenntlich zu Schaden. So ziehen einige Monster mit Raketenwerfern, Pistolen oder auch riesigen Schwertern ausgestattet in den Kampf. Hierbei kommt es jedoch nicht zu Blutverlust oder expliziten Darstellungen, da Digimon lediglich aus digitalen Daten bestehen und auch nur entsprechende Wunden mit Pixel-Optik hinterlassen. Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren sollten durchaus in der Lage sein, mit solcherlei Aspekten angemessen umzugehen. Nicht zuletzt, da sich die erwähnten problematischen Elemente in Zeichentrickform zeigen und somit automatisch eine gewisse Distanz zu realen Geschehnissen aufgebaut werden kann.

Fazit:
Wer sich mit der japanischen Anime-Grafik anfreunden kann, sich aber auch offen zeigt für viele Stunden des Trainierens von etlichen digitalen Partnern, diejenigen erwartet mit Digimon Story: Cyber Sleuth ein charmantes Rollenspiel mit einer genauso charmanten Besetzung. Liebe zum (grafischen) Detail, mechanische Tiefe und der eigene Sammelwahn kommen hier definitiv nicht zu kurz. Die Trennung zwischen Realität und Videospiel wird in diesem Fall um ein Vielfaches erleichtert, da die optische Gestaltung des Spiels auf Zeichentrick beruht. Eine disziplinierte Spielzeiteinteilung vorausgesetzt, kann somit festgehalten werden, dass der Titel für Jugendliche interessant ist.

Diese Kritik ist von Studierenden der Philosophischen Fakultät an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf verfasst. Die unter der Leitung von Koray Çoban durchgeführte und von Daniel Heinz und Dirk Poerschke unterstützte Übung 'Spieletester' präsentiert sich unter spieletester.phil.hhu.de.