Herolymp – oder – Wo begräbst du deinen Avatar?

Wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen. Wir nehmen Abschied von „Birne Helene“, einer tapferen Amazone, die einst in Diablo II gemeinsam mit und für ihren Gamer in die Schlacht zog. Ihr/e Schöpfer/in sagte zum Abschied: „RIP Birne Helene – Geliebte Amazone – Ich werde Dich vermissen …“


So oder so ähnlich verabschieden sich derzeit Gamer von ihren mehr oder weniger geliebten Avataren. Auf der Internetseite www.herolymp.de tragen sie diese zu Grabe und setzen ihnen zugleich ein Denkmal. Das Projekt der Stadt Frankfurt/Main, im Speziellen des Drogenreferates, bietet seit Kurzem die Möglichkeit, für jeden „ausgespiel-ten“ Avatar ein sogenanntes Memorial zu erstellen. Zu diesem kann der Gamer dann immer wieder zurückkehren, um (ähnlich einem „echten“ Friedhof) sich zu erinnern, sich mit anderen Gamern auszutauschen und auch darüber nachzusinnen, was die Zeit mit dem Avatar so besonders gemacht hat – oder eben nicht. Soweit so gut!

Aber Moment mal, ein Projekt des Drogenreferats? Jeder Core-Gamer könnte hier sofort negative Assoziationen haben: „Ach schon wieder so eine Institution, die uns einreden will, dass Games süchtig machen!“ oder „Ja ja, wenn ich meinen Avatar digital begrabe, geht’s mir sicherlich gleich viel besser… Ich werde über blühende Landschaften laufen, ich werde die Weltformel finden und ich werde endlich so sein, wie mich meine Eltern und Lehrer immer haben wollten!“. Nun, ich möchte nicht leugnen, dass es mir auf den ersten (zugegeben sehr kurzen) Blick ganz ähnlich erging. Doch schauen wir einmal tiefer in die Möglichkeiten dieser Plattform hinein:

Die Antwort auf die erste Projekt-FAQ „Was ist der Sinn von Herolymp?“ wird meines Erachtens genau so beant-wortet, dass das Projekt auch für jeden ambitionierten Gamer nachvollziehbar wird. Spätestens seit dem „Artworks-Contest – pic your game life!“ und der Umsetzung des Unterrichtskonzeptes „Mein Avatar und ich“ wird uns immer wieder deutlich, wie viel Energie, Liebe, Wünsche, Hoffnungen usw. Gamer in ihre Spielfiguren hinein geben bzw. interpretieren. Für diese Spieler, die zum Teil über Jahre hinweg ihren Spiel-Charakter ausdefiniert haben, die mit diesem die spannendsten Abenteuer erlebt haben und sich nun von diesem verabschieden wollen, ist der Herolymp ein geniales Angebot! Hier könnten Projekte ansetzen, die Gamern die Möglichkeit bieten, all das darzustellen, was ihren Avatar auszeichnete und warum sie diesen so erstellten bzw. im Spiel formten. Das Reflek-tieren über das eigene Spiel, über die Möglichkeiten und Grenzen von Games könnte so ein Stück weit ausgelotet werden.

Auf den zweiten Blick wird dann doch deutlich, dass Herolymp sich auch an die Gamer oder deren Angehörige rich-tet, die selbst- oder fremderkannt zu viel Lebensenergie in ein Game investieren. Und das ist gut so! Ich möchte hier gar nicht auf Zahlen zu missbräuchlichem und pathologischem Computerspielgebrauch eingehen, aber die tägliche Arbeit von Institutionen wie der Ambulanz für Spielsucht der Uniklinik Mainz zeigt auf, dass es Gamer gibt, die Hilfe suchen und brauchen. Und auch hier wird oftmals deutlich, dass das Spielen an sich meist ein Symptom von vielen ist und nicht der oft zitierte Auslöser von Abhängigkeit. Ob Herolymp in diesem Zusammenhang eine tragende Rolle spielen kann, müssen die Therapeuten entscheiden. Die Möglichkeit sich rituell vom Spiel und dem Avatar zu verabschieden erscheint zumindest reizvoll.

Btw.: Auch das Gee Magazin hat sich vor geraumer Zeit in der Rubrik: „Er war ein stiller Jäger“ mit dem Abschied vom eigenen Avatar beschäftigt.

(zuerst erschienen im Medienpädagogik-Praxis Blog am 08.07.2010, Autor: Gerrit Neundorf)

Zum Herolymp: HIER

Zum Institut Spwanpoint: HIER