Über Lebenswelten

Gewinnen und Verlieren auf der Computerbühne des Lebens

„Computerspiele machen dumm, faul, dick, gewalttätig und stumpfen ab“ oder „Schach unterscheidet sich bei weitem nicht von Counterstrike“ sind lediglich zwei Aussagen, die zu Beginn des Theaterstückes „Über Lebenswelten – Gewinnen und Verlieren auf der Computerbühne des Lebens“ in den Raum geworfen werden. Die Schüler der 10. Klasse der Friedrich-Spee-Gesamtschule in Paderborn entwickelten ein Theaterstück, das virtuelle Spielwelten mit Alltagssituation in Verbindung bringt. 

 

Computerspiele sind die Mythen und Märchen unserer Zeit und wollen auch genau so wie  „echte“ Märchen verstanden werden als Problemlösungshilfen für alle, die sich damit - mehr oder weniger zeitaufwendig - beschäftigen.   

Das Stück „Über Lebenswelten – Gewinnen und Verlieren auf der Computerbühne des Lebens“ besteht aus 10 zusammenhängenden Szenen des alltäglichen Lebens, die von den beiden Spielleitern Diana Höke und Michael Aßmann gemeinsam mit den Schülern des 10. Jahrgangs der Friedrich-von-Spee-Gesamtschule in Paderborn entwickelt wurden.

Die bilderbogenartige Grundstruktur unserer Stücke ermöglicht Kindern und Erwachsenen vielfältige Möglichkeiten von Interpretationsansätzen. Uns geht es nicht darum, Geschichten stringent zu erzählen, sondern die Vorstellungskraft des Publikums fortwährend zu reizen: durch die Sprache der Bilder, die Reduktion auf das Spiel der Schüler und deren Konzentration auf das Wesentliche. Wir bieten keine Lösungen, sondern Denkanstöße.

Ausgegangen sind wir dabei von den kleinen Spielchen, die Schüler auf ihren Handys haben, und den klassischen Helden der Computerspiele – Mario als einfacher Handwerker und Weltenretter, Lara, die bewaffnete Powerfrau mit archäologischen Grundkenntnissen, Pac-Man, der drogensüchtige Hyperaktive.

Denn diese Spiele gehören zum Alltag: Jugendliche nutzen immer mehr portable Spielekonsolen, wie z.B. Nintendo DS oder PSP. Außerdem wird das Handy mehr und mehr zum Multifunktionsgerät. Auch sind bereits vorinstallierte Spiele sehr beliebt. Diese Spiele sind häufig Klassiker der Computerspiele, wie z.B. Tetris, Snake oder Pac-Man.
 

Da das HNF (Paderborner Heinz Nixdorf MuseumsForum, das weltweit größte Museum für Computertechnologie) eine Sonderausstellung mit dem Titel „Codes and Clowns“, eine Hommage an den Begründer der Informationstheorie Claude Shannon plante, brachte dies uns auf die Idee, mit dem HNF in Kooperation zu treten.
Inspiriert hat uns dabei Claude Shannons spielerischer Umgang mit wissenschaftlichen Inhalten: Manipulation des Glücks beim Black-Jack, Strategien des Bewältigens labyrinthischer Situationen, Jonglage-Automaten und ein völlig sinnfreier Umgang mit existenziellen Fragen des menschlichen Lebens. 


Daher ist das Thema unseres diesjährigen Theaterstückes die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit der virtuellen Welt der Computerspiele.  So entwickelten wir für das HNF ein Theaterstück, das die Geschichte der Computerspiele bezogen auf das reale Leben darstellt. Es geht um Realitätsfluchten in virtuelle Welten und das Ausleben von Träumen durch fremde Identifikationen hin zur Selbstfindung. Die Schülergruppe stellt sich in den 10 Szenen ihres Stückes auch die Frage nach dem, was abseits der Spiele geschieht: Pausenlos müssen Entscheidungen getroffen werden, erkauft der Spielende sich durch Leistungen ein Mehr an Freiheit und Bequemlichkeit, will er den immer höheren Rang des „Halbgottes des High Scores“ erstreben.

Wie im richtigen Leben trifft man auf immer neue überraschende Charaktere, denen man sich stellen muss: besiegen, überlisten, sich arrangieren und kooperieren. Ja, das ganze Leben ist ein Spiel – im Computerspiel ohne Konsequenzen, so gar nicht wie im richtigen Leben. Mario ist nur ein einfacher Klempner auf der nie endenden Suche nach seiner Traumprinzessin. Sein Heldentum beschränkt sich auf seine Ausdauer und seinen Ideenreichtum, seine Stärken sind seine Bodenständigkeit und seine Bescheidenheit, seine Schwächen aufzuzählen, reicht der Platz nicht. Dennoch wird er zur Hauptperson des Stückes „Über Lebenswelten“  und durchwandert verschiedenste Stationen seines Lebens:
Werden die Ängste des Versagens geschürt oder kompensiert?
Wird das Spiel mit den Unwägbarkeiten des Lebens zu Erfolg oder Misserfolg führen?
Findet man sein Glück im Jackpot oder muss man sich von den selbst gesetzten Schranken frei spielen?

Um dem Geheimnis des Lebens auf die Spur zu kommen, muss man bereit sein, ungewöhnliche Wege zu gehen, gewohnte Bahnen zu verlassen und auf eigene Entscheidungen zu vertrauen.