Computerspielsucht erkennen und verstehen

 

"Sucht" ist ein Thema, über das man nicht gerne redet. Fällt dieser Begriff, erscheinen vor dem geistigen Auge beinahe automatisch Bilder von Heroinabhängigen, die in der Bahnhofsgegend um ein paar Euro betteln. Dieses Bild, das in den 80er Jahren stark durch Filme wie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" geprägt wurde, konfrontiert uns jedoch nur mit einer Spielart der Sucht: der Drogensucht. Jedoch gehört die Abhängigkeit von Nikotin, Alkohol oder auch Marihuana mittlerweile zum gesellschaftlichen Alltag. Diese "weichen" Drogen, wie man sie nennt, haben weniger von dem Schrecken, den eine Spritze hat – sind aber nicht weniger gefährlich. Wie der Wolf im Schafspelz ist es eben genau die Annahme, dass diese Drogen nicht so leicht süchtig machen, die eine besondere Gefahr darstellt. Kontinuierlicher Drogenkonsum erzeugt eine sog. Tolleranz, so dass schließlich immer größere Drogenmengen notwendig sind um denselben Effekt zu erlangen. Immer stärker dosiert, gewöhnt sich der Körper an die Zufuhr der Droge und passt bestimmte körpereigene Prozesse (z. B. biochemische) an. Bleibt die Droge aus, kommt es zu Entzugserscheinungen. Eine körperliche Abhängigkeit ist die Folge.
Aber die körperliche ist nicht die einzige Form der Abhängigkeit die durch Drogen verursacht werden kann. Die sog. psychische Abhängigkeit ist nicht minder gefährlich. Ein Beispiel für Sucht, die rein psychische Ursachen hat, ist die Spielsucht. Bei der Spielsucht kompensiert der Süchtige psychische Missstände über das Glücksspiel. Soziale Umstände, die dem Betroffenen Probleme bereiten, können beispielsweise Auslöser dafür sein, einen Ausweg über das Glücksspiel zu suchen. Da es beim Glücksspiel in der Regel neben Niederlagen aber immer auch Erfolgserlebnisse gibt, erlebt der Süchtige das Spielen als positive Regulierung seines bestehenden negativen Zustandes, erfährt eine Art Glücksgefühl. Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper an diese Form der Problembewältigung. Der Körper lernt, psychische Missstände fortan nur noch über das Spielverhalten zu regulieren.

(Computer-) Spielsucht
Im Kontext moderner Unterhaltungselektronik kommt dem Thema Spielsucht eine völlig neue Dimension zu. Immer wieder ist in den letzten Monaten von Computer-Sucht, Internet-Sucht oder Computerspiel-Sucht, insbesondere bei Kindern, die Rede. Ein Thema, das nicht ohne Grund immer öfter in den Medien thematisiert wird. Aber auch die Mediziner schlagen Alarm. In Amsterdam eröffnete jüngst die europaweit erste Klinik für Computerspielsüchtige und in Berlin forscht man nach den Ursachen und den Ausmaßen der Computerspielsucht. Dr. Sabine Grüsser von der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe der Charité Berlin erklärte bereits 2005: "Exzessives Computerspielen aktiviert vermutlich gleiche Strukturen im Hirn wie stoffliche Drogen." Die Berliner Wissenschaftler hatten mit hirnphysiologischen Untersuchungen erstmalig bewiesen, dass exzessives Computerspielen zu einer Sucht werden kann, die auf vergleichbaren Mechanismen wie Alkohol- oder Cannabis-Abhängigkeit beruht. Weiter kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass jeder 10te Computerspieler die Kriterien für eine Abhängigkeit erfüllt. Diese Zahlen decken sich in etwa mit denen von Cannabisabhängigen, bei denen auch etwa jeder 10te Konsument in die Abhängigkeit gerät.
Der Suchtverlauf ähnelt hierbei dem der oben beschriebenen Spielsucht: Das Belohungssystem wird aktiviert und positive Erfahrungen werden in einer Art Suchtgedächtnis gespeichert. Nach und nach lernt der Körper, z. B. Stresszustände nur noch auf diese Weise zu regulieren. Messungen der Hirnströme ergaben, dass die Gehirne Computerspielsüchtiger, wenn man den Betroffenen einen Reiz, etwa ein Bild einer Computerspielszene, darlegt, genau so reagieren wie die von z. B. Alkoholabhängigen, denen man das Äquivalent darbietet. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, die außerhalb der elterlichen Kontrolle uneingeschränkten Zugang auf Computerspiele haben und täglich mehrere Stunden Computer spielen. Die betroffenen Kinder versuchen oft, über das Computerspielen ihren Problemen zu entkommen. Stress in der Schule oder mit den Eltern und Orientierungslosigkeit im Heranwachsendenalter sind häufige Ursachen. Gerade in der Phase der Adoleszenz, in der für das Kind die Findung der eigenen Position in der Gesellschaft und das Planen der eigenen Zukunftsvorstellungen im Mittelpunkt stehen sollte, kann das Flüchten vor Problemen in die Ordnung virtueller Welten verheerende Folgen haben. Aber woran erkenne ich, ob mein Kind suchtgefährdet ist? Der folgende Abschnitt soll Eltern helfen, die ersten Anzeichen für Computerspielsucht zu erkennen und richtig zu deuten.

Computerspielsucht: Wo fängt das an?
Ein Kernproblem der Computerspielsucht-Forschung ist, das eine allgemeingültige Definition und entsprechende Kriterien, die eine eindeutige Unterscheidung zwischen "begeistertem" und "süchtigem" Spielverhalten festlegen, gänzlich fehlen. Nach den internationalen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV ist "pathologisches Computerspielen" noch nicht erfasst. Dieser Umstand hebt jedoch nicht die Relevanz auf, die dieses Thema offensichtlich besitzt, zumal auch andere Verhaltenssüchte hier nicht beschrieben werden.
Um trotzdem "pathologisches Computerspielverhalten" ermitteln zu können, orientieren sich die Wissenschaftler momentan noch an den Kriterien zum pathologischen Glücksspiel. Süchtiges Verhalten zeichnet sich demnach unter anderem durch folgende typische Kriterien aus:

- Positive Auswirkung auf die Stimmung bis hin zu Euphorie bei Ausübung des Verhaltens.

- Herausragender Stellenwert im Leben des Betroffenen, so dass Fühlen, Denken und Handeln davon dominiert werden.

- Der unwiderstehliche Wunsch nach Ausübung (Wiederholungszwang).

- Entzugssymptome und Rückfallneigung bei dem Versuch zu pausieren (Abstinenzunfähigkeit).

-Kontrollverlust, sobald mit dem Problemverhalten begonnen wird.

- Fortgesetztes Problemverhaltens trotz massiver Konflikte in Familien-, Freundeskreis und auf der Arbeit bzw. in der Schule.

- Rückzug aus anderen Lebensbereichen,. Z. B. bricht der Kontakt zu Freunden ab oder bisher ausgeübte Hobbys werden aufgegeben.

Dennoch ist es nicht einfach zu erkennen, ob ein Kind computerspielsüchtig ist oder nicht. Trotzdem ist unbedingt zu einem kontrollierten und bewussten Umgang mit dem Medium zu raten. Hier ein paar konkrete Tipps für Eltern:

- Spielen Sie gemeinsam mit dem Kind und haben Sie an den Erfahrungen, die es im Spiel gemacht hat, teil. Zeigen Sie Interesse. Nur so können Sie sich ein differenziertes Bild vom Spielverhalten Ihres Kindes machen. Lassen sie sich erklären, was ihr Kind im Spiel tut, worauf es im Spiel ankommt und spielen sie das Spiel gegebenenfalls selber.

- Legen Sie feste Spielzeiten und Spieldauer fest. Es ist zu empfehlen diese so zu organisieren, dass eine Dauer von 1,5 Stunden nicht überschritten wird und zwischen den Tagen immer auch computerspielfreie Tage liegen.

- Stellen Sie Regeln für den Medienkonsum insgesamt auf. Falsch wäre z. B. 1,5 Stunden Computerspielen und 1,5 Stunden Fernsehen am Tag zu erlauben. Besser ist es, das Kind seine Zeit am Computer und am Fernseher selbstständig auf 1,5 Stunden aufteilen zu lassen.

- Bieten Sie ihrem Kind alternative Möglichkeiten an, Erfolgserlebnisse zu haben. Diese könnten sein: Sport, Musik oder andere Hobbys, die nichts mit dem Computer zu tun haben.

- Achten Sie darauf, dass die Spiele für das Alter Ihres Kindes geeignet sind. Beachten Sie die Kennzeichen der USK (USK Infos) auf den Spieleverpackungen.

- Informieren Sie sich zusätzlich, z. B. auf dem Spieleratgeber-nrw oder im Fachgeschäft, über den Inhalt der Spiele. Die Kennzeichen der USK dienen dazu, Kinder vor einer Jugendgefährdung zu schützen. Sie beinhalten jedoch keine Aussage über die pädagogische Eignung von Spielen.

- Achten Sie darauf, dass Ihr Kind keine Spiele Spielt, die es nicht vorher mit Ihnen besprochen hat, insbesondere dann, wenn Sie keine Informationen zu den Alterskennzeichnungen und dem Spielinhalt haben.

Anzeichen für eine Sucht dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Finden Eltern auf normalem Weg keinen Zugang mehr zu ihren Kindern, gibt es mittlerweile in vielen Städten Suchtberatungsstellen, die sich auch mit dem Thema Mediensucht befassen und Hilfestellung und konkrete Ansprechpartner vermitteln können.

von Bastian Kreusing

Links:
suchthilfe-mv.de